Parkinson Journal: Boxen gegen Parkinson: Was der Sandsack leisten kann – und was nicht

Boxen gegen Parkinson: Was der Sandsack leisten kann – und was nicht

Grafik: Boxhandschuh in BewegungBoxhandschuhe statt Gymnastikmatte: In Mönchengladbach entdecken Menschen mit Parkinson eine Kampfkunstschule als neuen Trainingsort. Zwei Lokalberichte vom Niederrhein erzählen davon. Wir nehmen sie zum Anlass für eine nüchterne Bestandsaufnahme: Was weiß die Forschung über Boxen bei der Parkinson-Krankheit, was über Bewegung im Allgemeinen – und warum lohnt ein Blick auf den Tischtennistisch?

Thomas Cremer ist 60 Jahre alt und lebt seit zehn Jahren mit der Diagnose Parkinson. Seit einigen Wochen trainiert er zwei- bis dreimal pro Woche in der Kampfkunstschule „Cogito Meum“ in Mönchengladbach-Rheydt – mal allein am Sandsack, mal in einer gemischten Fitnessbox-Gruppe vom Kind bis zum Über-60-Jährigen. Schon nach der ersten Stunde, so berichtet er der Lokalpresse, habe er sich besser gefühlt. Das Entscheidende für ihn: eine Stunde lang nicht an die Krankheit zu denken. Der Kopf sei mit Deckung, Schlagfolge und Fußstellung so beschäftigt, dass für Parkinson schlicht kein Platz bleibe.

Viele Leserinnen und Leser des Parkinson-Journals werden dieses Gefühl kennen – sei es vom Tischtennis, vom Tanzen, vom Nordic Walking oder eben vom Boxen. Doch Begeisterung ist noch kein Wirksamkeitsnachweis. Deshalb lohnt sich ein genauer Blick: auf das Konzept aus Mönchengladbach, auf die Studienlage zum Boxen und auf das, was die Wissenschaft über Bewegung bei Parkinson insgesamt sicher sagen kann.

Eine Kampfkunstschule entdeckt ein neues Thema

Robert Fuhr leitet „Cogito Meum“ und unterrichtet dort seit Jahrzehnten Boxen, Kenpo-Karate, Kettlebell-Training und Selbstverteidigung. Auf das Thema Parkinson kam er nicht von selbst. Ein Betroffener rief ihn an und fragte, ob er mit seiner Erkrankung mittrainieren dürfe. Fuhr erbat sich zwei Tage Bedenkzeit, las sich in die Erkrankung ein und holte sich wissenschaftlichen Rat. Dabei fielen ihm Parallelen zu früheren Teilnehmern auf, die nach einem Schlaganfall bei ihm trainiert und ihm später von Fortschritten berichtet hatten. Fuhr betont im Interview mit dem „Lokalboten“ ausdrücklich, dass er kein Arzt sei – er beurteile, was er im Training beobachte: mehr Sicherheit, flüssigere Bewegungen, mehr Zutrauen in den eigenen Körper.

Aus dieser Recherche entstand sein Konzept „Mehr als Boxen“, das auf drei Säulen ruht:

  • Boxen für Reaktion, Rhythmus, Ausdauer und schnelle Entscheidungen – an Pratzen und Sandsack, ausdrücklich ohne Sparring und ohne Treffer am Körper.
  • Kenpo-Karate und Elemente anderer Kampfkünste für Koordination: Bewegungen über die Körpermitte, wechselnde Richtungen und Rhythmen, Hände und Füße im Zusammenspiel. Der Teilnehmer soll nicht nur wiederholen, sondern ständig neue Bewegungsaufgaben lösen.
  • Kettlebell-Training für Kraft und Rumpfstabilität – nicht mit schweren Gewichten, sondern mit alltagsnahen Bewegungen wie Aufstehen, Heben und Tragen.

Als Leitsatz formuliert Fuhr: „Das System passt sich dem Menschen an – nicht der Mensch dem System.“ Jeder trainiert in seinem Tempo, ohne Leistungsdruck, aber mit Herausforderung und Humor. Parkinson lasse sich nicht wegtrainieren, räumt er ein – wohl aber Beweglichkeit, Selbstvertrauen und Lebensqualität unterstützen. Noch im November will die Schule einen eigenen Kurs speziell für Menschen mit Parkinson anbieten. Wer selbstständig gehen kann, so Fuhr, den könne er auch unterrichten.

Auch Trainer Kellys Grammatikou, seit 25 Jahren Kampfsportlehrer, hatte mit Thomas Cremer zum ersten Mal einen Parkinson-Patienten in der Gruppe. Er tastete sich langsam heran – wie bei jedem Neuling: Was kann er, wo liegen die Schwachstellen? Die Gruppe nehme Rücksicht, erzählt Cremer, aber nicht wegen der Krankheit, sondern weil er Anfänger sei. Genau das tue ihm gut: Hier fühle er sich nicht krank. Und wenn ein Schlag wegen Zitterns danebengeht? Dann sei das eben so, sagt Fuhr. Diese Gelassenheit nimmt Angst – und Angst ist bei Parkinson oft ein größeres Bewegungshindernis als die Muskulatur.

Kampfkunstschule „Cogito Meum“

Mühlenstraße 223A, 41236 Mönchengladbach-Rheydt · Tel. 0173 5130686 · www.cogito-meum.de
Angebote: Boxen, Kenpo-Karate, Kettlebell-Training; ein Kurs speziell für Menschen mit Parkinson ist für November 2026 angekündigt.

Woher die Idee kommt: von Indianapolis bis Köln

Boxen als Training für Menschen mit Parkinson ist keine Erfindung vom Niederrhein. Die Bewegung geht auf das Programm „Rock Steady Boxing“ zurück, das 2006 in Indianapolis gegründet wurde. Initiator war ein Mann, der selbst früh an Parkinson erkrankt war und im Boxtraining eine Möglichkeit sah, aktiv gegen die Krankheit anzugehen. Inzwischen gibt es weltweit hunderte Gruppen, die nach ähnlichen Prinzipien arbeiten: kein Kontakt, kein Sparring, viel Beinarbeit, Schlagkombinationen auf Zuruf, Gruppengefühl.

In Deutschland wächst das Angebot langsamer, aber spürbar. Die Parkinson Stiftung, die auch das Parkinson-Journal fördert, unterstützt die Ausbildung von Trainerinnen und Trainern: Im Juli 2026 fand an der Deutschen Sporthochschule Köln ein zweitägiger Workshop zum Boxen für Menschen mit Parkinson statt, im Oktober 2026 folgte in Hamburg ein Workshop zum Kickboxen. Auf dem Programm standen neben Technik und Trainingsmethodik auch medizinische Grundlagen, Physiotherapie, der Umgang mit Off-Phasen und Freezing sowie Angebote für Rollstuhlnutzer. Das ist ein wichtiges Signal: Gutes Parkinson-Boxen steht und fällt mit Trainern, die die Erkrankung verstehen.

Warum Bewegung bei Parkinson so wichtig ist

Bevor wir uns die Boxstudien ansehen, lohnt der Blick auf das große Ganze. Denn hier ist die Datenlage inzwischen beeindruckend klar. Die bislang umfassendste Auswertung ist ein Cochrane-Review aus dem Jahr 2024, an dem maßgeblich Forscherinnen und Forscher der Universität Köln beteiligt waren. Es fasst 154 randomisierte kontrollierte Studien mit zusammen rund 7.800 Teilnehmenden zusammen und vergleicht Tanz, Gang- und Gleichgewichtstraining, Ausdauer-, Kraft- und Wassertraining, Tai-Chi und Yoga, LSVT BIG und weitere Formen.

Das Ergebnis lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Bewegung wirkt – und die genaue Sportart ist zweitrangig. Für Tanz und für Gang-, Gleichgewichts- und Funktionstraining fanden die Autoren mit moderater Sicherheit einen mittleren Nutzen für die Beweglichkeit, für kombinierte Programme einen kleineren. Wassertraining verbesserte die Lebensqualität besonders deutlich. Zwischen den Trainingsarten gab es dagegen kaum belastbare Unterschiede. Die Programme galten insgesamt als relativ sicher.

Zwei Studien aus den letzten Jahren haben die Diskussion zusätzlich geprägt. In der amerikanischen SPARX-Studie trainierten Menschen mit früher, noch unbehandelter Parkinson-Krankheit sechs Monate lang auf dem Laufband – entweder moderat oder intensiv mit 80 bis 85 Prozent der maximalen Herzfrequenz. In der intensiven Gruppe verschlechterte sich die Motorik im Beobachtungszeitraum kaum, in der Kontrollgruppe schon. Eine große Nachfolgestudie (SPARX3) soll klären, ob sich daraus tatsächlich ein langsameres Fortschreiten ableiten lässt. In der niederländischen „Park-in-Shape“-Studie radelten Betroffene sechs Monate lang zu Hause auf einem Ergometer mit spielerischer Motivation; ihre Motorik-Werte waren am Ende messbar besser als in einer Dehngruppe.

Daraus leiten Fachgesellschaften heute recht konkrete Empfehlungen ab. Die US-amerikanische Parkinson’s Foundation nennt in ihren aktualisierten Bewegungsempfehlungen mindestens 150 Minuten pro Woche, verteilt auf Ausdauer, Kraft, Gleichgewicht und Beweglichkeit, möglichst ergänzt um Übungen, bei denen gleichzeitig gedacht und bewegt wird. Trainiert werden sollte nach Möglichkeit in der „On“-Phase, also wenn die Medikamente gut wirken. Auch die deutsche S2k-Leitlinie zur Parkinson-Krankheit sieht Physiotherapie und regelmäßige körperliche Aktivität als festen Bestandteil der Behandlung – von Anfang an, nicht erst, wenn Probleme auftreten.

Gut zu wissen: Rehasport auf Rezept

Ärztinnen und Ärzte können Rehabilitationssport mit dem Formular „Muster 56“ verordnen. Bei Parkinson übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen in der Regel bis zu 120 Übungseinheiten innerhalb von 36 Monaten. Voraussetzung ist eine anerkannte Rehasport-Gruppe. Spezielle Boxkurse sind meist nicht als Rehasport zertifiziert – fragen Sie aber nach, manche Anbieter kooperieren mit Vereinen oder Präventionsprogrammen der Kassen.

Was speziell fürs Boxen spricht

Wenn die Sportart zweitrangig ist – warum dann ausgerechnet Boxen? Die Antwort liegt weniger in einer besonderen Wirkung als in einer günstigen Mischung. Boxtraining vereint vieles, was Physiotherapeuten bei Parkinson ohnehin empfehlen:

  • Große, kraftvolle Bewegungen. Parkinson macht Bewegungen klein und langsam. Ein Jab oder ein Cross verlangt das Gegenteil: volle Streckung, Schwung aus der Hüfte, bewusste Kraft. Das erinnert an das Prinzip von LSVT BIG, bei dem gezielt „zu groß“ geübt wird.
  • Gewichtsverlagerung und Beinarbeit. Ausfallschritte, Drehungen und Richtungswechsel trainieren genau jene Gleichgewichtsreaktionen, die bei Stürzen fehlen.
  • Rhythmus und Takt. Schlagfolgen auf Zuruf oder zu Musik geben äußere Taktgeber vor – ein Mechanismus, der bei Parkinson nachweislich hilft, Bewegungen anzustoßen.
  • Denken und Bewegen zugleich. Kombinationen merken, auf Kommandos reagieren, Deckung halten: Solches Doppelaufgaben-Training fordert Aufmerksamkeit und Bewegungsplanung.
  • Intensität. Boxen bringt den Puls schnell nach oben. Die Idee, dass ein höheres Tempo als das selbst gewählte besonders wirksam sein könnte, stammt aus Studien zum „Forced Exercise“ auf dem Tandem-Fahrrad und hat das Boxen in den USA populär gemacht.
  • Gemeinschaft und Selbstwirksamkeit. Vielleicht der unterschätzteste Faktor: Wer sich als Boxer erlebt und nicht als Patient, kommt wieder. Und wer regelmäßig kommt, profitiert.

Thomas Cremer bringt das auf eine einfache Formel. Das Training gebe ihm zurück, was die Krankheit nimmt: „Ich hole mir dadurch ein Stück Leben zurück.“ Diese emotionale Seite ist nicht zu unterschätzen – Depression und Angst gehören zu den häufigsten nicht-motorischen Beschwerden bei Parkinson und sind selbst ein Grund, sich weniger zu bewegen.

Häufig liest man, Boxen fördere die Neuroplastizität oder steigere Wachstumsfaktoren wie BDNF im Gehirn. Für Ausdauertraining gibt es dafür Hinweise. Für das Boxen selbst sind solche Mechanismen bislang nicht direkt belegt, wie eine Übersichtsarbeit der Deutschen Sporthochschule Köln von 2025 ausdrücklich festhält. Wer Boxen trainiert, tut also nachweislich etwas Gutes für Kondition, Kraft und Stimmung – Versprechen über eine Wirkung auf das Gehirn sollte man aber mit Vorsicht genießen.

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Was die Studien zum Boxen tatsächlich zeigen

Gemessen an seiner Popularität ist das Boxen bei Parkinson erstaunlich dünn untersucht. Die meisten Arbeiten sind kleine Beobachtungsstudien ohne Vergleichsgruppe, mit Teilnehmerzahlen zwischen sechs und knapp hundert. Randomisierte kontrollierte Studien – der Goldstandard – gibt es nur eine Handvoll.

Eine der ersten stammt aus den USA (Combs und Kollegen, 2013). 31 Menschen mit Parkinson trainierten zwölf Wochen lang entweder in einer Boxgruppe oder in einer klassischen Gymnastikgruppe. Beide Gruppen verbesserten Gleichgewicht, Mobilität und Lebensqualität deutlich. Die Boxer legten beim Gehtempo und bei der Gehausdauer stärker zu, die Gymnastikgruppe dagegen beim Vertrauen ins eigene Gleichgewicht. Ein Sieger? Eher ein Unentschieden mit unterschiedlichen Stärken.

Eine kanadische Studie (Sangarapillai und Kollegen, 2021) verglich Boxen mit einem Training, das gezielt die Körperwahrnehmung schult. Auch hier verbesserten sich viele Teilnehmende. Bei der Bewertung der Parkinson-Motorik schnitt Boxen aber nicht besser ab als das Vergleichsprogramm.

Inzwischen liegen mehrere Übersichtsarbeiten vor, und ihr Tenor ist bemerkenswert einheitlich:

  • Eine spanische Meta-Analyse (González-Devesa und Kollegen, 2024) mit 13 Studien und 423 Teilnehmenden fand in der Zusammenschau keine statistisch gesicherten Effekte auf Gleichgewicht, Gang, Motorik oder Lebensqualität. Die Autoren nennen die Evidenz „unsicher“.
  • Eine chinesisch-internationale Übersicht (Wang und Kollegen, 2025) mit 13 Studien und 402 Teilnehmenden sah in vielen Einzelstudien Verbesserungen bei Beinkraft, Gleichgewicht, Mobilität und Lebensqualität. Die Teilnahmetreue lag meist über 80 Prozent, ernsthafte Zwischenfälle oder Stürze wurden nicht berichtet. Effektgrößen ließen sich wegen der sehr unterschiedlichen Studien nicht berechnen.
  • Eine südamerikanische Meta-Analyse (Hernandez-Martinez und Kollegen, 2025) fand gegenüber Kontrollgruppen ebenfalls keinen gesicherten Vorteil bei Gleichgewicht, Ausdauer und Lebensqualität – bestätigte aber, dass Boxen für Betroffene in frühen und mittleren Stadien sicher und gut machbar ist.

Was heißt das für Sie? Boxen ist ein gutes, sicheres und motivierendes Training – aber kein nachweislich besseres als andere. Wer Freude daran hat, sollte es tun. Wer lieber tanzt, schwimmt, Rad fährt oder Tischtennis spielt, verpasst nach heutigem Wissen nichts. Entscheidend ist, dass Sie regelmäßig und mit ausreichender Intensität trainieren – und dass Sie dabeibleiben.

Im Blick: Tischtennis mit PingPongParkinson

Wenn es um Tempo, Reaktion und Gemeinschaft geht, hat das Boxen einen starken Mitbewerber: den Tischtennistisch. Tischtennis gilt als schnellste Rückschlagsportart der Welt – gemessen an der Zeit zwischen zwei Ballkontakten. Wer spielt, muss den Ball lesen, vorausahnen, wohin er springt, das Gewicht blitzschnell verlagern und die Schlagbewegung präzise dosieren. Genau diese Verbindung aus Geschwindigkeit, Hand-Auge-Koordination und ständiger Entscheidung fordert jene Fähigkeiten, die Parkinson langsam macht. Anders als am Sandsack kommt ein echter Gegenspieler hinzu: Jeder Ballwechsel ist eine neue Aufgabe, nichts lässt sich automatisch abspulen.

Auch Tischtennis ist bei Parkinson inzwischen in mehreren Studien gezielt untersucht worden – und die ersten Ergebnisse sind ermutigend:

  • Japan (Inoue und Kollegen, Universität Fukuoka, 2021): Zwölf Menschen mit leichter bis mittelschwerer Parkinson-Krankheit spielten sechs Monate lang einmal pro Woche unter Anleitung. Sowohl die Alltagsfähigkeiten als auch die ärztlich bewertete Motorik verbesserten sich nach drei und nach sechs Monaten deutlich – unter anderem bei Sprache, Handschrift, Gehen, Steifigkeit und Bewegungsverlangsamung.
  • Schweden (Olsson und Kollegen, Stockholm, 2019): Acht Betroffene trainierten zehn Wochen lang zweimal wöchentlich in der Gruppe. Das Training war sicher, die Teilnahmequote lag bei 84 Prozent, und Gleichgewicht, Stimmung und Lebensqualität entwickelten sich in die richtige Richtung.
  • USA (University of Colorado, 2026): Im Programm „NeuroPong“ trainierten 30 Menschen mit Parkinson zwölf Wochen lang zweimal pro Woche. Gleichgewicht, Gehausdauer und Motorik-Werte verbesserten sich messbar, die Teilnahmequote lag bei rund 90 Prozent, Zwischenfälle gab es keine.
  • Deutschland (Deutsche Sporthochschule Köln): Erste kleine Projekte mit PingPongParkinson-Spielern zeigten nach dem Training elastischere Gefäße; eine größere Studie ist in Vorbereitung.

Ehrlicherweise muss man hinzufügen: Auch diese Studien sind klein und meist ohne Vergleichsgruppe. Größere kontrollierte Studien laufen. Aber die Richtung ist bei allen Arbeiten dieselbe – und die Verträglichkeit gut.

Der zweite Erfolgsfaktor ist das soziale Miteinander. PingPongParkinson Deutschland e.V. wurde 2020 gegründet, die Idee stammt aus den USA. Heute zählt der Verein rund 3.500 Mitglieder an über 300 Standorten in ganz Deutschland. Gespielt wird meist in ganz normalen Tischtennisvereinen, oft gemeinsam mit gesunden Spielern, dazu kommen Turniere bis hin zu Meisterschaften. Für viele wird der wöchentliche Treffpunkt zum festen Anker im Kalender, mit Austausch, Humor und neuen Freundschaften. Genau das macht den Unterschied: Wer sich auf seine Gruppe freut, kommt wieder. Und Regelmäßigkeit über Jahre ist in der Bewegungstherapie bei Parkinson der wichtigste Wirkfaktor überhaupt.

PingPongParkinson Deutschland e.V.

Rund 3.500 Mitglieder an über 300 Standorten. Training in Vereinen vor Ort, keine Vorkenntnisse nötig, Schläger gibt es oft zum Ausleihen. Standortsuche und Kontakt: www.pingpongparkinson.de

Trainingsform Was sie vor allem trainiert Studienlage bei Parkinson Besonders geeignet für
Boxen (kontaktfrei) Reaktion, Rhythmus, Ausdauer, große Bewegungen, Doppelaufgaben Viele kleine Studien, wenige RCTs; sicher, aber kein Vorteil gegenüber anderem Training belegt Wer Power, Gruppe und klare Struktur mag
Tanz (z. B. Tango) Gleichgewicht, Rhythmus, Schrittlänge, soziale Interaktion Moderater Nutzen für die Motorik mit moderater Sicherheit (Cochrane 2024) Paare, Musikbegeisterte
Gang- und Gleichgewichtstraining Sturzprävention, Schrittlänge, Drehen, Aufstehen Moderater Nutzen mit moderater Sicherheit (Cochrane 2024) Alle, besonders bei Gangunsicherheit
Ausdauer (Laufband, Rad) Herz-Kreislauf, Kondition Kleiner Nutzen; Hinweise auf Bremswirkung bei hoher Intensität (SPARX, Park-in-Shape) Frühe Stadien, Training zu Hause
Krafttraining Muskelkraft, Aufstehen, Tragen, Rumpfstabilität Kleiner Nutzen, niedrige Sicherheit der Evidenz Ergänzung zu jedem Programm
Wassertraining Beweglichkeit ohne Sturzgefahr, Entlastung Wahrscheinlich großer Nutzen für die Lebensqualität (Cochrane 2024) Bei Sturzangst, Gelenkproblemen
Tai-Chi und Yoga Gleichgewicht, Haltung, Entspannung Kleiner Nutzen für Motorik und Lebensqualität Ruhigere Typen, Stressabbau
Tischtennis (z. B. PingPongParkinson) Reaktion, Tempo, Hand-Auge-Koordination, Gleichgewicht, Gemeinschaft Erste Studien aus Japan, Schweden und den USA mit deutlichen Verbesserungen bei Motorik, Gleichgewicht und Gehausdauer; kontrollierte Studien laufen Spielfreudige, Wettkampfinteressierte, alle, die eine feste Gruppe suchen

Sicherheit: Worauf Sie achten sollten

Boxen bei Parkinson hat mit dem Boxen im Ring nichts zu tun. Es gibt keinen Gegner, keine Kopftreffer und kein Sparring. Wiederholte Schläge gegen den Kopf sind ein bekannter Risikofaktor für Hirnschäden und haben in einem Parkinson-Training nichts verloren. Seriöse Anbieter arbeiten ausschließlich an Sandsack und Pratzen. Trotzdem ist Boxen ein intensives Training, bei dem einige Punkte zu beachten sind.

Vor dem Start mit Ihrem Arzt besprechen

  • Herz und Kreislauf: Bei Herzerkrankungen, Bluthochdruck oder Rhythmusstörungen vorher abklären, wie stark Sie sich belasten dürfen.
  • Blutdruckabfall beim Aufstehen: Viele Menschen mit Parkinson haben eine orthostatische Hypotonie. Langsam aufstehen, ausreichend trinken, bei Schwindel sofort pausieren.
  • Sturzrisiko und Freezing: Bei Gangblockaden oder häufigen Stürzen zunächst im Stand mit Halt oder im Sitzen boxen. Kein Training auf glattem Boden.
  • Knochen und Gelenke: Bei Osteoporose, Arthrose oder Schulterproblemen Schlagkraft und Bewegungsumfang anpassen; Handgelenke bandagieren.
  • Tiefe Hirnstimulation: Training ist in der Regel möglich. Stöße und Druck auf Kopf, Hals und den Bereich des Impulsgebers unter dem Schlüsselbein vermeiden und das mit Ihrem Zentrum besprechen.
  • Medikamente: Am besten in der „On“-Phase trainieren. Bei starken Überbewegungen (Dyskinesien) Intensität reduzieren.

So finden Sie ein gutes Angebot

Ein gutes Parkinson-Boxtraining erkennen Sie an einigen einfachen Merkmalen. Der Trainer sollte Erfahrung mit Parkinson haben oder eine entsprechende Fortbildung besucht haben – etwa einen der von der Parkinson Stiftung geförderten Workshops. Die Gruppen sollten klein genug sein, dass der Trainer jeden im Blick hat. Ein kostenloses Probetraining ist üblich und sinnvoll. Das Training sollte sich an Ihre Tagesform anpassen: An schlechten Tagen im Sitzen, an guten Tagen mit Beinarbeit und hohem Tempo.

Gemischte Gruppen wie in Mönchengladbach haben dabei einen eigenen Reiz: Wer zwischen Jugendlichen und Berufstätigen trainiert, erlebt sich nicht als Patient, sondern als Sportler. Reine Parkinson-Gruppen bieten dafür Austausch unter Gleichgesinnten und ein Training, das genauer auf typische Probleme wie Freezing oder kleine Schritte eingeht. Beides hat seine Berechtigung – entscheiden Sie nach Ihrem Gefühl.

Fragen Sie auch in Ihrer Selbsthilfegruppe nach – dort weiß man oft am besten, wo es in der Region passende Angebote gibt. Und lassen Sie sich von einer Physiotherapeutin mit Parkinson-Erfahrung einmal gründlich untersuchen. Sie kann einschätzen, welche Schwerpunkte für Sie wichtig sind, und Ihr Boxtraining sinnvoll ergänzen. Die Parkinson’s Foundation empfiehlt eine solche Untersuchung bei Diagnose und danach etwa alle sechs Monate.

Fragen für Ihre nächste Sprechstunde

  1. Gibt es aus Ihrer Sicht Gründe, die gegen ein intensives Training wie Boxen sprechen?
  2. Bis zu welcher Herzfrequenz oder Anstrengung darf ich mich belasten?
  3. Sollte ich meine Medikamenteneinnahme an die Trainingszeiten anpassen, damit ich in der „On“-Phase trainiere?
  4. Wie steht es um meine Knochendichte – muss ich bei Schlag- und Krafttraining vorsichtig sein?
  5. Können Sie mir Rehabilitationssport (Muster 56) oder Physiotherapie verordnen?
  6. Bei tiefer Hirnstimulation: Gibt es Einschränkungen für Schlagtraining oder Bewegungen mit den Armen?
  7. Welche Trainingsziele – Gleichgewicht, Kraft, Ausdauer, Gang – sind für mich gerade am wichtigsten?

Fazit: Boxen ist ein Weg – Bewegung ist das Ziel

Die Geschichte von Thomas Cremer und der Kampfkunstschule in Mönchengladbach zeigt, was gutes Training bei Parkinson ausmacht: einen Trainer, der genau hinschaut, eine Gruppe, die trägt, und eine Stunde, in der die Krankheit Pause hat. Die Wissenschaft bestätigt das im Grundsatz. Regelmäßige, fordernde Bewegung verbessert Beweglichkeit und Lebensqualität – das gehört zu den am besten belegten Aussagen in der gesamten Parkinson-Therapie.

Dass ausgerechnet Boxen dafür besser ist als Tanzen, Radfahren oder Tischtennis, lässt sich dagegen nicht belegen. Die vorhandenen Studien sind klein und uneinheitlich. Sie zeigen aber auch: Boxen ist sicher, wenn es kontaktfrei und gut angeleitet stattfindet, und die Teilnehmenden bleiben auffallend häufig dabei. Genau darin liegt seine Stärke. Dasselbe gilt für Tischtennis: Mit Tempo, ständigen Reaktionsaufgaben und einer bundesweiten Gemeinschaft von rund 3.500 Spielerinnen und Spielern zeigt PingPongParkinson, wie Bewegungstherapie zum Hobby wird, das man nicht mehr missen möchte. Denn das beste Training ist nicht das mit dem besten Studienergebnis, sondern das, zu dem Sie in einem Jahr immer noch gehen.

Wenn Sie also Lust haben, die Handschuhe zu schnüren oder den Schläger in die Hand zu nehmen: Sprechen Sie mit Ihrem Arzt, suchen Sie sich eine Gruppe mit Parkinson-Erfahrung – und schlagen Sie zurück.

Quellen

  1. Wagner H. „Thomas schlägt zurück“. NRZ/WAZ, Lokalteil „Wir am Niederrhein“, 22.10.2026.
  2. Erkens W. „Kampf dem Parkinson!“ – Interview mit Robert Fuhr. Der Lokalbote, Rheydt, 15.10.2026. der-lokalbote.de
  3. Ernst M, Folkerts AK, Gollan R et al. Physical exercise for people with Parkinson’s disease: a systematic review and network meta-analysis. Cochrane Database Syst Rev 2024; Issue 4: CD013856. Cochrane Library
  4. Combs SA, Diehl MD, Chrzastowski C et al. Community-based group exercise for persons with Parkinson disease: a randomized controlled trial. NeuroRehabilitation 2013; 32(1): 117–124. IOS Press
  5. Sangarapillai K, Norman BM, Almeida QJ. Boxing vs sensory exercise for Parkinson’s disease: a double-blinded randomized controlled trial. Neurorehabil Neural Repair 2021; 35(9): 769–777. SAGE
  6. González-Devesa D, Ayán C, Sanchez-Lastra MA et al. The efficacy of boxing training on patients with Parkinson’s disease: systematic review and meta-analysis. Rev Neurol 2024; 79(11). IMR Press
  7. Wang Z, Song B, Liu C et al. Effects of boxing exercise in people with Parkinson’s disease: a systematic review. Front Aging Neurosci 2025; 17: 1505326. Frontiers
  8. Hernandez-Martinez J et al. Effects of boxing interventions on physical fitness and health-related quality of life in older people with Parkinson’s disease: a systematic review with meta-analysis. Front Public Health 2025. Frontiers
  9. Römling F, Brixius K. The role of boxing in Parkinson’s disease: evidence, benefits, and future directions. Dtsch Z Sportmed 2025; 76(2): 33–39. DZSM
  10. Schenkman M, Moore CG, Kohrt WM et al. Effect of high-intensity treadmill exercise on motor symptoms in patients with de novo Parkinson disease (SPARX). JAMA Neurol 2018; 75(2): 219–226.
  11. van der Kolk NM, de Vries NM, Kessels RPC et al. Effectiveness of home-based and remotely supervised aerobic exercise in Parkinson’s disease (Park-in-Shape). Lancet Neurol 2019; 18(11): 998–1008.
  12. Alberts JL, Linder SM, Penko AL et al. It is not about the bike, it is about the pedaling: forced exercise and Parkinson’s disease. Exerc Sport Sci Rev 2011; 39(4): 177–186.
  13. Parkinson’s Foundation. Parkinson’s Exercise Recommendations (Entwurf 2025). parkinson.org
  14. Deutsche Gesellschaft für Neurologie. S2k-Leitlinie Parkinson-Krankheit, 2023. AWMF-Registernummer 030-010.
  15. Parkinson Stiftung. Programm Trainer:innen-Workshop Boxen, Deutsche Sporthochschule Köln, Juli 2026; Trainer:innen-Workshop Kickboxen, Hamburg, Oktober 2026. parkinsonstiftung.de
  16. Inoue K, Fujioka S, Nagaki K et al. Table tennis for patients with Parkinson’s disease: a single-center, prospective pilot study. Clin Park Relat Disord 2021; 4: 100086. DOAJ
  17. Olsson K, Johansson A, Franzén E. A pilot study of the feasibility and effects of table tennis training in Parkinson’s disease. Mov Disord 2019; 34 (Suppl.), Abstract 166. MDS Abstracts
  18. NR Times. Table tennis could improve balance in Parkinson’s patients – study (NeuroPong, University of Colorado), 28.07.2026. nrtimes.co.uk
  19. Deutsche Sporthochschule Köln. PingPongParkinson an der Spoho. Zeitlupe 2/2023. dshs-koeln.de
  20. PingPongParkinson Deutschland e.V. www.pingpongparkinson.de
  21. Kuratorium für Prävention und Rehabilitation an der TU München. Infoblatt Rehabilitationssport bei Morbus Parkinson (Stand 04/2026). ktu.vo.tum.de

Hannover 2026: Die größte Parkinson-Tischtennis-WM aller Zeiten – und der Preis des Wachstums

Rund 800 Aktive, 90 Tische, drei Hallen und 15 neue Weltmeistertitel: Die 7. PingPongParkinson-Weltmeisterschaft in Hannover hat alle Rekorde gebrochen. Was bleibt von diesen fünf Tagen – und warum sagen nicht wenige Teilnehmende, dass etwas Wertvolles auf der Strecke geblieben ist?

Als am Mittwochnachmittag, dem 30. September, die letzten Endspiele zu Ende gingen, passierte in der Swiss Life Hall, was die Veranstalter später als Markenzeichen dieser Weltmeisterschaft beschrieben: Die Finalistinnen und Finalisten fielen sich in die Arme. Gewinner und Verlierer, in jedem einzelnen Endspiel.

Fünf Tage lang, vom 26. bis 30. September 2026, war der Sportpark Hannover am Maschsee das Zentrum der weltweiten Parkinson-Tischtennis-Bewegung. Es war die zweite PingPongParkinson-Weltmeisterschaft in Deutschland und mit Abstand die größte, die es je gab. Dieser Rückblick fasst zusammen, was geschehen ist, erzählt einige der Geschichten hinter den Zahlen – und spricht offen an, was von nicht wenigen Beteiligten als Nachteil empfunden wurde: Aus dem familiären Treffen ist eine professionell gemanagte Großveranstaltung geworden.

Rückblick auf die WM 2026 – die Seite zum Nachschauen

Alles zur Weltmeisterschaft in Hannover finden Sie gebündelt auf der Seite Rückblick auf die WM 2026 (presse.blues-park.de/journal.html). Dahinter steckt das frühere Presseportal von PingPongParkinson Deutschland e. V. – jetzt als Rückblick für alle, die dabei waren, und für alle, die gern dabei gewesen wären.

Das finden Sie dort:

  • alle Pressemitteilungen zur WM als PDF – von der Ankündigung bis zum Abschlussbericht
  • die Infomappe von PingPongParkinson Deutschland e. V. (Profil, Zahlen, Geschichte, Ansprechpartner)
  • Spielerporträts, je eines pro Bundesland
  • Fotos und Videos der WM 2026 in Hannover sowie Bilder und Filme früherer Turniere
  • die offiziellen Logos der WM 2026
  • das Medienecho: Presse-, Online-, TV- und Radiobeiträge über PingPongParkinson

Wer hat noch Bilder und Videos? Wenn Sie in Hannover fotografiert oder gefilmt haben und Ihr Material auf der Rückblick-Seite veröffentlicht sehen möchten, schicken Sie es bitte an ju************@***il.com. Bitte nur Aufnahmen, auf denen Sie selbst die Rechte haben und auf denen erkennbare Personen mit der Veröffentlichung einverstanden sind.

Rund 800 Aktive: Die Zahlen im Überblick

Die Dimension wird erst im Vergleich greifbar. Bei der ersten PingPongParkinson-Weltmeisterschaft 2019 gingen 61 Aktive an den Start. Bei der sechsten Auflage 2025 in Italien waren es mit 324 so viele wie nie zuvor. In Hannover wurde dieser Rekord mehr als verdoppelt.

Weltmeisterschaft Aktive Einordnung
1. WM, 2019 61 Der Anfang der Weltmeisterschaften
6. WM, 2025 (Italien) 324 bis dahin Rekord
7. WM, 2026 (Hannover) rund 800 Rekord mehr als verdoppelt

Die wichtigsten Eckdaten der Hannoveraner Weltmeisterschaft auf einen Blick:

Merkmal WM 2026 in Hannover
Zeitraum Samstag, 26., bis Mittwoch, 30. September 2026
Ort Sportpark Hannover am Maschsee: Swiss Life Hall, Sporthalle des Landessportbunds Niedersachsen (Akademie des Sports), Hockeyhalle von Hannover 78
Teilnehmende rund 800 Aktive aus über 30 Nationen, alle Kontinente außer Afrika; etwa zwei Drittel aus Deutschland, etwa drei Viertel Herren und ein Viertel Damen
Erstteilnehmende mehr als die Hälfte war zum ersten Mal bei einer Weltmeisterschaft dabei
Tische 90, davon 40 in der Swiss Life Hall, wo ab Montagnachmittag alle Haupt- und Trostrunden stattfanden
Spiele rund 4.000 Matches in Einzel, Doppel und Mixed
Spielklassen drei Einschränkungsklassen nach Spielstärke: 14 Prozent in Klasse 1, 34 Prozent in Klasse 2, 52 Prozent in Klasse 3
Titel 15 Weltmeistertitel, zehn davon mit deutscher Beteiligung
Helferinnen und Helfer mehr als 200 Volunteers

Ursprünglich war sogar eine vierte Halle mit 22 zusätzlichen Tischen geplant. Weil die Sanierung dieser Halle nicht rechtzeitig fertig wurde, blieb es bei drei Hallen. Auch der Andrang überraschte die Organisation: Die ursprünglich geplante Obergrenze von 600 Teilnehmenden war nach dem Start der Online-Registrierung schnell erreicht, am Ende kamen fast 800 zusammen.

Eröffnung mit großer Bühne

Am Freitagabend, 25. September, eröffnete eine Feier in der Swiss Life Hall die Weltmeisterschaft. Rund 1.000 Gäste erlebten Reden, Musik, Tanz und den Einmarsch der Nationen. Auf der Bühne sprachen Niedersachsens Gesundheitsminister Andreas Philippi, Hannovers Oberbürgermeister Belit Onay und Reinhard Rawe, Vorstandsvorsitzender des Landessportbunds Niedersachsen. Durch den Abend führte der ZDF-Journalist Norbert König.

Das letzte Wort hatte Thorsten Boomhuis, Gründer und Vorsitzender von PingPongParkinson Deutschland e. V. Er sprach von der größten Tischtennis-Veranstaltung in Niedersachsen seit 30 Jahren und dem größten Parkinson-Event aller Zeiten. Den symbolischen ersten Aufschlag übernahmen Boomhuis und Nenad Bach, der Initiator der weltweiten PingPongParkinson-Bewegung. Wer nicht in Hannover sein konnte, verfolgte die Spiele per Livestream: Sportdeutschland.tv übertrug mit drei Kameras aus der Swiss Life Hall.

Die Geschichten hinter den Zahlen

Chile: Zehntausend Euro und vierzehn Stunden Busfahrt

Oscar Alejandro Rodriguez Manriquez ist der erste Spieler aus Chile, der an einer PingPongParkinson-Weltmeisterschaft teilnimmt. Bei früheren Auflagen hatte er mitspielen wollen, doch die Reise war zu teuer. 2021 wurde bei ihm Parkinson festgestellt. Diesmal ging es: In seiner Heimat kamen rund 10.000 Euro an Unterstützung zusammen. Er reiste allein – von Santiago per Flugzeug nach Paris und von dort rund 14 Stunden mit dem Bus nach Hannover. Seine ersten beiden Spiele gewann er. Zwischen den Partien beugte er sich über ein Mobiltelefon an der Bande: Er übertrug seine Matches live nach Chile, an alle, die ihm die Reise ermöglicht hatten.

China: Ein Titel von 2023 und seine Wirkung

Liu Shengping, 65, ist einer von vier Aktiven aus China. Schon 2023 gewann er bei einer PingPongParkinson-Weltmeisterschaft einen Titel. Seitdem, berichtet er, werde Tischtennis in Verbindung mit Parkinson in seiner Heimat stärker wahrgenommen. Bei ihm wurde die Krankheit vor rund zehn Jahren festgestellt. Durch das Tischtennis sei es besser geworden, sagt er, und das entlaste auch seine Familie.

Die Volunteers: Brötchen, Edding und ein vergessenes Medikament

Mehr als 200 Helferinnen und Helfer hielten die Veranstaltung am Laufen. Eine von ihnen ist Ulrike Lang, die als Springerin überall einspringt, wo Hilfe gebraucht wird – vom Brötchenschmieren in der Kantine bis zum Aufbau der 90 Tische. Seit März beschäftigte sie sich vor allem mit der Akkreditierung: Tausende E-Mails schrieb sie aus dem Homeoffice. Am Empfang liegen Sicherheitsnadeln bereit. Als eine Teilnehmerin ihre Startnummer verlegte, schrieb Ulrike Lang kurzerhand mit einem Edding eine neue und befestigte sie am Rücken der Spielerin. Und als ein Teilnehmer sein L-Dopa im Hotel vergessen hatte, fragte sie herum – und fand einen anderen Teilnehmer, der aushalf.

Praxistipp

Wer mit Parkinson verreist, packt Medikamente samt Einnahmeplan ins Handgepäck und nimmt eine kleine Reserve mit. So bleibt ein vergessener Koffer oder eine Verspätung ein Ärgernis und wird nicht zum Problem für die Einnahmezeiten. Das gilt nicht nur für Weltmeisterschaften.

Kunst trifft Tischtennis

Im Rahmenprogramm in der Akademie des Sports gab es Fortbildungen, Workshops, Vorträge und Ausstellungen. Besonders in Erinnerung bleibt die Kunstausstellung: Nach einer Ausschreibung gingen rund 70 Einsendungen ein, eine Jury wählte 30 Werke von Menschen mit Parkinson-Diagnose aus. Drei Viertel der Ausstellenden zeigten ihre Arbeiten zum ersten Mal öffentlich. Initiiert hat die Ausstellung das Trio Alexine Good, Marcus Heithecker und Almut Knebel, alle drei selbst aktive PPP-Sportler. Einer der Maler, der ehemalige Pfarrer Tönnies Meyerhoff-Rösener, malt seit seinem neunten Lebensjahr. Er berichtet, die künstlerische Tätigkeit könne Beschwerden lindern, wenn Beweglichkeit und Geist beim Freezing zeitweise einfrieren.

Thorsten Boomhuis: Von rechts auf links

Auch der Vorsitzende spielte mit. In der Einschränkungsklasse 1 unterlag Thorsten Boomhuis am ersten Spieltag in seinem dritten Match des Tages dem Italiener Francesco Pulvirenti in drei Sätzen. Bemerkenswert ist seine Geschichte: Ursprünglich Rechtshänder, hat er wegen der Parkinson-Krankheit auf links umgestellt und spielt inzwischen sogar beidhändig. „Man lernt, sich immer wieder neu einzustellen“, sagte er nach dem Spiel. Ein Satz, der für viele Menschen mit Parkinson weit über den Tischtennistisch hinaus gilt.

Der Finaltag und die neuen Weltmeisterinnen und Weltmeister

Am Finaltag fielen die letzten Entscheidungen: In drei Einschränkungsklassen und fünf Konkurrenzen wurden 15 Titel vergeben. Besonders erfolgreich war Petra Heidemann, die in Klasse 3 den Einzeltitel gewann, im Doppel mit Judith Kleinebenne und im Mixed mit Andre Riedel.

Konkurrenz Klasse 1 Klasse 2 Klasse 3
Frauen Einzel Monika Hussmann (Deutschland) Mariá Osorio (Spanien) Petra Heidemann (Deutschland)
Männer Einzel Dorin Gabudean (Rumänien) Sören Christensen (Dänemark) Heiko Seebacher (Deutschland)
Frauen Doppel Melanie Jeska / Agnes Jan (Deutschland/Österreich) Mariá Osorio / Nuria Raspall Bernaus (Spanien) Petra Heidemann / Judith Kleinebenne (Deutschland)
Männer Doppel Dorin Gabudean / Jürgen Ludwig (Rumänien/Deutschland) Christian Fleischer / Tom Schumann (Deutschland) Thomas Bräumer / Klaus Glas (Deutschland)
Mixed Thorsten Flues / Silke Kind (Deutschland) Jaroslaw Grzywacz / Ewa Kerntopf (Polen) Andre Riedel / Petra Heidemann (Deutschland)

Bei den Endspielen und der Siegerehrung war auch Wolfgang Dörner zu Gast, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Tischtennis-Bunds. Er zeigte sich begeistert: Hier werde toller Sport geboten, und besonders beeindruckt habe ihn, was PingPongParkinson gemeinsam mit dem Tischtennis-Verband Niedersachsen auf die Beine gestellt habe – „da steckt viel Herzblut drin“.

Was nicht jeder gut fand: Das familiäre Flair hat gelitten

Zu einem ehrlichen Rückblick gehört auch das, was nicht für alle ein Gewinn war. Nicht wenige Teilnehmende, vor allem solche, die schon bei früheren Weltmeisterschaften dabei waren, nannten als Nachteil: Das familiäre Flair der früheren Turniere hat gelitten. Aus einem Treffen, bei dem man sich kannte, ist eine professionell gemanagte Großveranstaltung geworden.

Kritische Stimmen

Das ist weniger ein Vorwurf an die Organisation, die unter anderem vom Vorstandsvorsitzenden des Deutschen Tischtennis-Bunds ausdrücklich gelobt wurde, als die Kehrseite des Erfolgs: Je größer eine Veranstaltung wird, desto weniger bleibt sie ein Familientreffen.

Mögliche Gründe für diesen Eindruck lassen sich aus den Zahlen ablesen:

  • Die schiere Größe. Wo 2019 noch 61 Aktive zusammenkamen und 2025 immerhin 324, waren es in Hannover rund 800. Bei 61 Menschen kennt man nach zwei Tagen jeden Namen, bei 800 nicht.
  • Die Verteilung auf drei Hallen. Die Vorrunden liefen in der Swiss Life Hall, der Sporthalle des Landessportbunds und in der Hockeyhalle. Wer im Foyer zufällig ins Gespräch kam, traf sich in einem Großturnier mit mehreren Spielstätten seltener von allein wieder.
  • Mehr Regeln und mehr Technik. Online-Registrierung mit Obergrenze, Akkreditierung, Startnummern, Einteilung in drei Spielklassen, Zeitpläne, Livestream mit drei Kameras: All das macht eine Veranstaltung dieser Größe erst möglich. Es fühlt sich aber anders an als ein Turnier, das von Hand organisiert wird.
  • Eine große Bühne. Eine Eröffnungsfeier mit rund 1.000 Gästen, Politik und einem bekannten Fernsehmoderator ist ein starkes Signal nach außen. Für manchen Stammgast fühlt sie sich weniger nach „unserem“ Turnier an.
  • Viele Neue. Mehr als die Hälfte der Aktiven war zum ersten Mal bei einer Weltmeisterschaft. Das ist ein großer Erfolg, bedeutet aber auch, dass sich die Gruppen neu sortieren mussten.

Dem steht gegenüber, was die Größe möglich gemacht hat. Ein Spieler aus Chile konnte erst jetzt dabei sein. Eine Volunteerin fand für ihre Rentenzeit eine sinnvolle Aufgabe. Eine Teilnehmerin, die erst vor zwei Jahren zum ersten Mal einen Schläger in der Hand hatte, spielte ihre erste Weltmeisterschaft und kam in allen Konkurrenzen aus der Vorrunde heraus. Das Wachstum ist kein Betriebsunfall, sondern das Ergebnis eines Erfolgs. Es ist auch ein Dilemma: Nähe und Größe lassen sich nur schwer gleichzeitig haben.

Die Familie hat sich verlagert

Interessant ist, dass der Begriff „Familie“ in Hannover trotzdem oft fiel. Judith Kleinebenne vom SV Etteln sagte über das Tischtennis: „Es ist alles wie eine große Familie.“ Sie lernte Karo Farys bei einem Parkinson-Turnier in Ostwestfalen kennen, seither sind die beiden befreundet und trafen sich in Hannover wieder. Karo Farys ist mit ihrem Vater Herbert Steinbrink gekommen, der mitspielt. Die SG Sendenhorst und der SVD Drensteinfurt reisten mit acht und sechs Aktiven an, inklusive Betreuern waren sie 25 und hängten an der Tribüne ein selbstgemachtes Plakat auf.

Man kann das so lesen: Das Familiäre ist nicht verschwunden, sondern in die Gruppen gewandert – in die Vereine, die Freundeskreise, die Stützpunkte vor Ort, die miteinander anreisen. Bei einer Großveranstaltung entsteht Familie weniger zufällig als früher und häufiger dort, wo Menschen schon vorher verbunden sind.

Anregungen aus der Redaktion

Das sind keine Beschlüsse des Veranstalters, sondern Gedanken für die Zeit nach Hannover: Feste Treffpunkte für Erstteilnehmende und Stammgäste, kleine regionale Runden an einem gemeinsamen Abend, Patenschaften zwischen erfahrenen und neuen Aktiven oder ein Ort, an dem man sich auch ohne Spielplan trifft. Welche davon wirklich helfen, wissen am besten die Teilnehmenden selbst.

Tischtennis und Parkinson: Was Erfahrungsberichte sagen – und was nicht

In den Gesprächen in Hannover ging es immer wieder um die Frage, was der Sport bewirkt. Karo Farys berichtet über ihren Vater, mit Tischtennis sei vieles besser geworden: Er sei mobiler, seine Hand ruhiger, und der Verlauf der Krankheit sei milder geworden. Liu Shengping sagt, das Tischtennis habe es für ihn besser gemacht. Der Maler Tönnies Meyerhoff-Rösener erzählt von den Wirkungen der Kunst beim Freezing. Und Lars Petersen, ein Betreuer der Schweizer Mannschaft, beschreibt das Coaching von Menschen mit Parkinson als „herzlicher und dankbarer“, auch weil Medikamenteneinnahme und -wirkung mitgedacht werden müssen.

Zur Einordnung

Das sind persönliche Erfahrungen, und sie sind ernst zu nehmen. Sie sind aber keine Belege dafür, dass Tischtennis den Verlauf der Parkinson-Krankheit verändert. Dass regelmäßige Bewegung und Training heute fest zu einer guten Behandlung gehören, ist in der Fachwelt unstrittig. Ob Tischtennis darüber hinaus etwas Besonderes bewirkt, lässt sich aus Einzelberichten nicht ableiten. Bevor Sie mit einer neuen Sportart beginnen, sprechen Sie bitte mit Ihrer Neurologin oder Ihrem Neurologen.

Unbestritten ist, was Veranstaltungen wie diese außerdem leisten: Sie zeigen, dass die Diagnose nicht das Ende von Aktivität und Gemeinschaft bedeutet. Wie Judith Kleinebenne: Mit 40 Jahren erhielt sie die Diagnose, nachdem Ärzte Parkinson zunächst ausgeschlossen hatten, weil sie weiblich und zu jung sei. Heute lebt sie mit einem Hirnschrittmacher, spielt dreimal pro Woche Tischtennis, hat einen Stützpunkt in Etteln aufgebaut und wurde in Hannover Weltmeisterin.

Ausblick: Magglingen 2027

Die nächste PingPongParkinson-Weltmeisterschaft findet vom 12. bis 17. Oktober 2027 in Magglingen in der Schweiz statt. Die Eidgenossen haben Hannover bereits als Lehrstück genutzt und reisten mit 25 Aktiven an. „So konnten wir uns das schon mal angucken und davon lernen, wie das alles abläuft“, sagt Lars Petersen, einer der drei Betreuer des Schweizer Nationalteams. Er selbst wurde in der Akademie des Sports in Hannover als Jugendlicher ausgebildet und hat dort früher gespielt. Die Rückkehr genoss er sichtlich.

Ob Magglingen zeigt, wie sich Größe und Nähe verbinden lassen, bleibt abzuwarten. Die Schweiz startet mit einem Vorteil: Sie kann aus Hannover lernen – aus dem, was gut gelungen ist, und aus dem, was gefehlt hat.

Rückblick auf die WM 2026 – die Seite zum Nachschauen

Alles zur Weltmeisterschaft in Hannover finden Sie gebündelt auf der Seite Rückblick auf die WM 2026 (presse.blues-park.de/journal.html). Dahinter steckt das frühere Presseportal von PingPongParkinson Deutschland e. V. – jetzt als Rückblick für alle, die dabei waren, und für alle, die gern dabei gewesen wären.

Das finden Sie dort:

  • alle Pressemitteilungen zur WM als PDF – von der Ankündigung bis zum Abschlussbericht
  • die Infomappe von PingPongParkinson Deutschland e. V. (Profil, Zahlen, Geschichte, Ansprechpartner)
  • Spielerporträts, je eines pro Bundesland
  • Fotos und Videos der WM 2026 in Hannover sowie Bilder und Filme früherer Turniere
  • die offiziellen Logos der WM 2026
  • das Medienecho: Presse-, Online-, TV- und Radiobeiträge über PingPongParkinson

Wer hat noch Bilder und Videos? Wenn Sie in Hannover fotografiert oder gefilmt haben und Ihr Material auf der Rückblick-Seite veröffentlicht sehen möchten, schicken Sie es bitte an ju************@***il.com. Bitte nur Aufnahmen, auf denen Sie selbst die Rechte haben und auf denen erkennbare Personen mit der Veröffentlichung einverstanden sind.

Fragen für Ihren Verein oder Ihre Gruppe

  1. Was war Ihnen bei der Weltmeisterschaft – als Aktive, Betreuende, Angehörige oder Zuschauende – am wichtigsten? War es der Sport, die Begegnung oder das Gefühl, nicht allein zu sein?
  2. Wo haben Sie das „Familiäre“ erlebt, und wo haben Sie es vermisst?
  3. Welche Rolle spielen Vereine und Stützpunkte vor Ort dafür, dass Neue dazustoßen und sich willkommen fühlen?
  4. Gibt es bei Ihnen in der Nähe ein Angebot für Tischtennis oder andere Bewegungsformen für Menschen mit Parkinson? Wenn nicht: Wer könnte eines aufbauen?
  5. Was würden Sie sich für die nächste Weltmeisterschaft in Magglingen wünschen?

Fazit

Hannover hat gezeigt, wie weit die PingPongParkinson-Bewegung gekommen ist: von 61 Aktiven im Jahr 2019 zu rund 800 im Jahr 2026, mit 15 Weltmeistertiteln, mehr als 200 Helferinnen und Helfern und einer Bühne, die auch Politik und Sportverbände erreicht. Das ist ein Erfolg, den die Veranstalter sich verdient haben.

Zugleich meinen nicht wenige Teilnehmende ihre Rückmeldung ernst: Das familiäre Flair hat gelitten. Beides stimmt gleichzeitig. Die spannende Frage für die kommenden Weltmeisterschaften lautet nicht, ob man groß oder familiär sein will, sondern wie man die Nähe in die Größe hineinbringt. Die Antwort darauf steckt vermutlich in den kleinen Gruppen, die in Hannover so selbstverständlich zusammengehalten haben.

Quellen

  1. PingPongParkinson Deutschland e. V.: Pressemitteilung „Herzliche Umarmungen zum Abschluss“ (Hannover, 28. September 2026; eingestellt am 30.09.2026), PDF
  2. PingPongParkinson Deutschland e. V.: Pressemitteilung „Einmarsch, Emotionen, erster Aufschlag“ (Eröffnungsfeier, 25. September 2026), PDF
  3. PingPongParkinson Deutschland e. V.: Pressemitteilung „Countdown in Hannover“ (22. September 2026), PDF
  4. PingPongParkinson Deutschland e. V.: Pressemitteilung „Zahlen, Daten, Fakten“ (8. September 2026), PDF
  5. PingPongParkinson Deutschland e. V.: Pressemitteilung „Von Hannover nach Chile“ / „Chinas Tischtennis-Botschafter“ (27. September 2026), PDF
  6. PingPongParkinson Deutschland e. V.: Pressemitteilung „Wie eine große Familie“ (29. September 2026), PDF
  7. PingPongParkinson Deutschland e. V.: Pressemitteilung „Vielfältige Aufgaben für die Volunteers“ (29. September 2026), PDF
  8. PingPongParkinson Deutschland e. V.: Pressemitteilung „Kunst trifft Tischtennis in Hannover“ (30. September 2026), PDF
  9. PingPongParkinson Deutschland e. V.: Pressemitteilung „Umstellen, angreifen, weiterkämpfen“ (26. September 2026), PDF
  10. Alle Pressemitteilungen, Fotos, Videos und Porträts: Rückblick auf die WM 2026; offizielle Veranstaltungsseite: pppwc.net

Elektroakupunktur gegen Parkinson-Schmerzen: Was die neue Studie zeigt – und was nicht

Schmerzen in Schultern, Rücken, Nacken und Beinen gehören zu den häufigsten Beschwerden bei der Parkinson-Krankheit – und zu den am wenigsten beachteten. Eine neue Studie aus China meldet: Fünf Tage Elektroakupunktur am Kopf lindern diese Schmerzen besser als eine Scheinbehandlung. Wir haben genau hingesehen, was die Studie belegt, wo sie übertreibt und was Sie daraus für sich mitnehmen können.

Wer Parkinson hat, kennt das: Die Schulter schmerzt seit Monaten, der Rücken zieht, die Waden verkrampfen. In der Sprechstunde geht es um Zittern, Beweglichkeit und den Medikamentenplan – der Schmerz kommt zu kurz. Viele Betroffene suchen deshalb selbst nach Hilfe außerhalb der klassischen Medizin. Akupunktur steht dabei ganz oben auf der Liste. Eine aktuelle Studie scheint ihnen recht zu geben.

Die Arbeit stammt aus der Neurologie des Ersten Universitätsklinikums der Anhui-Universität für Chinesische Medizin in Hefei und ist im September 2026 in der chinesischen Fachzeitschrift Zhongguo Zhen Jiu („Chinesische Akupunktur und Moxibustion“) erschienen. Der Volltext liegt nur auf Chinesisch vor, eine englische Zusammenfassung ist in der Datenbank PubMed abrufbar. Die Schlussfolgerung der Autoren klingt vielversprechend: Elektroakupunktur lindere Schmerzen, verbessere die Beweglichkeit, die Stimmung und die Lebensqualität – bei guter Verträglichkeit. Ein zweiter Blick zeigt: Nur ein Teil davon ist durch die Daten gedeckt.

Was die Studie untersucht hat

Teilgenommen haben 58 Menschen mit Parkinson-Krankheit, die zusätzlich unter Schmerzen des Bewegungsapparats litten – also Schmerzen in Muskeln, Gelenken, Sehnen und Knochen. Per Los wurden sie in zwei gleich große Gruppen mit je 29 Personen aufgeteilt. In jeder Gruppe schied eine Person vorzeitig aus, ausgewertet wurden also 56.

  • Echte Elektroakupunktur: Feine Nadeln wurden in die Kopfhaut über dem sogenannten motorischen Areal gesetzt, und zwar auf der Seite, die dem Schmerz gegenüberliegt. Bei Schmerzen auf beiden Seiten wurde links genadelt. An die Nadeln wurde ein schwacher, wechselnder Strom angelegt (2 und 20 Hertz, 1 bis 2 Milliampere). Die Nadeln blieben 30 Minuten liegen.
  • Scheinbehandlung: Die Nadeln wurden 5 bis 20 Millimeter hinter dem motorischen Areal gesetzt, an einer Stelle, die in der Akupunkturlehre keine Bedeutung hat. Das Stromgerät wurde genauso angeschlossen, aber es floss kein Strom. Auch hier: 30 Minuten.
  • Dauer: Beide Gruppen wurden an fünf aufeinanderfolgenden Tagen je einmal behandelt.
  • Messungen: vor der Behandlung, direkt danach sowie zwei und vier Wochen später.

Das wichtigste Messinstrument war die visuelle Analogskala (VAS): Die Teilnehmenden markieren auf einer Linie von „kein Schmerz“ bis „stärkster vorstellbarer Schmerz“, wie stark es wehtut. Zusätzlich wurden die Beweglichkeit (mit dem ärztlichen Untersuchungsteil der UPDRS-Skala, Teil III), Depression und Angst (mit den Hamilton-Skalen) sowie die Lebensqualität (mit dem Parkinson-Fragebogen PDQ-39) erfasst.

Was ist das „motorische Areal“?

Die Studie nutzt eine Form der Schädelakupunktur, die in China in den 1970er-Jahren entwickelt wurde. Anders als bei der klassischen Akupunktur orientieren sich die Einstichstellen nicht an Meridianen, sondern grob an der Lage von Hirnregionen unter der Schädeldecke. Das „motorische Areal“ entspricht ungefähr der Region, in der das Gehirn Bewegungen steuert. Interessant: Auch die westliche Schmerzforschung stimuliert genau diese Region – etwa mit Magnetimpulsen von außen (repetitive transkranielle Magnetstimulation, rTMS). Ob eine Nadel mit schwachem Strom in der Kopfhaut die darunterliegende Hirnrinde überhaupt nennenswert erreicht, ist allerdings nicht belegt.

Was herauskam – und was nicht

Die Ergebnisse lassen sich in drei Punkten zusammenfassen:

1. Beide Gruppen hatten weniger Schmerzen

Nach der Behandlung und auch zwei und vier Wochen später gaben beide Gruppen weniger Schmerzen an als vorher – auch die Gruppe mit der Scheinbehandlung. Das ist ein häufiger Befund in Akupunkturstudien und zeigt, wie stark Zuwendung, Erwartung und das Ritual einer Behandlung allein wirken können.

2. Die echte Elektroakupunktur war beim Schmerz etwas besser

Zu allen drei Zeitpunkten lag der Schmerzwert in der Elektroakupunktur-Gruppe niedriger als in der Schein-Gruppe. Der Unterschied war statistisch signifikant – allerdings nur knapp (die Autoren geben „p kleiner als 0,05“ an). Wie groß der Unterschied auf der Schmerzskala war, verrät die Zusammenfassung nicht. Ob er für Betroffene im Alltag spürbar ist, lässt sich daher nicht beurteilen. In der Schmerzforschung gilt meist erst eine Verbesserung um etwa 1 bis 2 Punkte auf einer 10-Punkte-Skala als klinisch bedeutsam.

3. Bei Beweglichkeit, Stimmung und Lebensqualität gab es keinen Unterschied

Hier wird es wichtig. In der Elektroakupunktur-Gruppe verbesserten sich Beweglichkeit, Depression, Angst und Lebensqualität im Vergleich zum Ausgangswert. In der Schein-Gruppe nicht. Aber: Beim direkten Vergleich der beiden Gruppen – und nur der zählt – fand sich zu keinem Zeitpunkt ein statistisch bedeutsamer Unterschied. Das steht so in der Zusammenfassung der Studie selbst. Die Schlussfolgerung der Autoren, Elektroakupunktur verbessere auch Beweglichkeit, Stimmung und Lebensqualität, ist durch ihre eigenen Daten nicht gedeckt.

Zur Einordnung: „besser als vorher“ ist nicht „besser als die Kontrolle“

Ein Vorher-nachher-Vergleich innerhalb einer Gruppe sagt wenig darüber aus, ob eine Behandlung wirkt. Menschen fühlen sich nach Zuwendung besser, Beschwerden schwanken von selbst, und wer mit besonders starken Schmerzen in eine Studie kommt, hat beim nächsten Termin oft etwas weniger – rein statistisch. Genau deshalb gibt es Kontrollgruppen. Aussagekräftig ist nur der Vergleich zwischen den Gruppen. Wenn die eine Gruppe „signifikant besser als vorher“ ist und die andere knapp nicht, heißt das noch lange nicht, dass sich die Gruppen voneinander unterscheiden.

Wie belastbar ist die Studie?

Positiv ist: Die Studie war randomisiert, das heißt, der Zufall entschied über die Gruppe. Sie hatte eine Scheinbehandlung als Vergleich, und sie hat die Teilnehmenden vier Wochen über das Behandlungsende hinaus beobachtet. Schwere Nebenwirkungen traten nicht auf. Das ist mehr, als viele Akupunkturstudien bieten.

Die Grenzen sind aber erheblich:

  • Sehr klein: 56 ausgewertete Personen reichen, um einen großen Effekt zu entdecken – für verlässliche Aussagen über Beweglichkeit, Stimmung oder Lebensqualität sind es zu wenige.
  • Sehr kurz: Fünf Behandlungen an fünf Tagen und vier Wochen Nachbeobachtung sagen nichts darüber, wie es nach drei oder sechs Monaten aussieht. Schmerzen bei Parkinson sind aber meist ein Dauerproblem.
  • Verblindung fraglich: In der Echt-Gruppe floss Strom, in der Schein-Gruppe nicht. Schon ein bis zwei Milliampere sind als Kribbeln oder Klopfen spürbar. Viele Teilnehmende dürften also gemerkt haben, in welcher Gruppe sie waren. Ob die Verblindung überprüft wurde, geht aus der Zusammenfassung nicht hervor. Wer weiß, dass er „richtig“ behandelt wird, bewertet seinen Schmerz oft günstiger.
  • Subjektives Maß: Schmerz lässt sich nur durch Selbstauskunft messen. Das ist unvermeidbar, macht das Ergebnis aber anfällig für Erwartungseffekte.
  • Keine Effektgrößen: Ohne Angabe, um wie viele Punkte sich der Schmerz unterschied, bleibt „signifikant“ ein leeres Wort.
  • Unklare Schmerzarten: Die Studie fasst alle Schmerzen des Bewegungsapparats zusammen. Ob es sich um Schmerzen durch Steifigkeit, durch Fehlhaltung, durch Arthrose oder um Wirkungsschwankungen der Medikamente handelte, bleibt offen.
  • Ein Zentrum, nur Chinesisch: Die Studie wurde an einem einzigen Krankenhaus durchgeführt, der Volltext ist für die internationale Fachwelt kaum überprüfbar.

Ein bekanntes Problem

Schon 1998 zeigte eine vielzitierte Untersuchung britischer Forscher um Andrew Vickers: Von den damals ausgewerteten Akupunkturstudien aus China, Japan, Hongkong und Taiwan war jede einzelne positiv. Bei Studien aus England lag der Anteil deutlich niedriger. Die wahrscheinlichste Erklärung ist, dass negative Ergebnisse seltener veröffentlicht werden. Das heißt nicht, dass chinesische Studien falsch sind – aber einzelne kleine, positive Studien sollte man mit Vorsicht lesen, solange sie nicht anderswo bestätigt werden.

Schmerzen bei Parkinson: häufig und vielgestaltig

Dass Schmerz überhaupt zum Parkinson-Thema gemacht wird, ist ein Verdienst der letzten Jahre. Eine große Übersichtsarbeit im Fachjournal Lancet Neurology kam 2025 zu dem Schluss, dass mehr als zwei Drittel der Menschen mit Parkinson-Krankheit mit chronischen Schmerzen leben. In einer internationalen Untersuchung mit der speziell für Parkinson entwickelten Schmerzskala (King’s Parkinson’s Disease Pain Scale, KPPS) gaben fast alle Befragten mindestens eine Schmerzform an. Am häufigsten, bei rund 85 Prozent, waren Schmerzen des Bewegungsapparats – also genau jene, um die es in der neuen Studie geht.

Parkinson-Schmerzen haben viele Gesichter:

  • Muskel- und Gelenkschmerzen durch Steifigkeit (Rigor), Bewegungsarmut und veränderte Haltung – typisch ist die schmerzhafte „Frozen Shoulder“, die oft Jahre vor der Diagnose auftritt.
  • Schmerzhafte Verkrampfungen (Dystonien), etwa die eingekrallten Zehen am frühen Morgen, wenn die Medikamente nachlassen.
  • Schmerzen bei Wirkungsschwankungen, die im OFF zunehmen und mit der nächsten Tablette nachlassen.
  • Nervenschmerzen, etwa durch eingeklemmte Nervenwurzeln an der Wirbelsäule oder durch eine Schädigung der Nerven in Füßen und Beinen.
  • Zentrale Schmerzen – schwer beschreibbares Brennen, Ziehen oder inneres Unbehagen, das von der Parkinson-Krankheit selbst im Gehirn ausgelöst wird.

Dazu kommen Schmerzen, die mit Parkinson nichts zu tun haben, etwa durch Arthrose. Seit 2021 gibt es ein internationales Einteilungssystem (Parkinson’s Disease Pain Classification System, PD-PCS), das zuerst klärt, ob der Schmerz mit der Parkinson-Krankheit zusammenhängt, und dann nach dem Entstehungsmechanismus fragt. Das hat praktische Folgen: Ein Schmerz, der im OFF auftritt, wird anders behandelt als eine Arthrose im Knie.

Der erste Schritt

Die Fachleute sind sich einig: Bevor andere Schmerzbehandlungen begonnen werden, sollte geprüft werden, ob die Parkinson-Medikamente optimal eingestellt sind. Viele Schmerzen bei Parkinson sind im Kern Parkinson-Symptome und bessern sich, wenn Steifigkeit, Dystonien und OFF-Phasen besser behandelt werden. Ein Schmerztagebuch, in dem Sie neben dem Schmerz auch die Tabletteneinnahme notieren, hilft Ihrer Neurologin oder Ihrem Neurologen dabei sehr.

Was die übrige Forschung zur Akupunktur sagt

Bei chronischen Schmerzen allgemein

Die solideste Datenbasis liefert eine große Auswertung der internationalen Acupuncture Trialists’ Collaboration aus dem Jahr 2018, an der auch Münchner Forschende beteiligt waren. Sie hat die Rohdaten von fast 21.000 Patientinnen und Patienten aus 39 hochwertigen Studien zusammengeführt – zu Rücken- und Nackenschmerzen, Arthrose, Kopfschmerzen und Schulterschmerzen. Das Ergebnis: Akupunktur war besser als keine Akupunktur und auch besser als Scheinakupunktur. Der Vorsprung gegenüber der Scheinbehandlung war aber klein. Ein großer Teil der Wirkung entsteht also durch das, was jede Behandlung mitbringt: Zuwendung, Ruhe, Erwartung. Positiv: Die Wirkung hielt überwiegend auch nach einem Jahr noch an.

Ähnlich war es bereits in den großen deutschen GERAC-Studien der frühen 2000er-Jahre. Bei chronischen Rückenschmerzen sprachen rund 48 Prozent auf echte Akupunktur an, rund 44 Prozent auf Scheinakupunktur – und nur 27 Prozent auf die übliche Standardbehandlung. Beide Nadelvarianten schnitten also deutlich besser ab als die Routineversorgung, unterschieden sich aber kaum voneinander.

Bei Parkinson

Speziell zu Schmerzen bei Parkinson gibt es bislang nur sehr wenige Studien: eine kleine taiwanische Untersuchung mit neun behandelten Personen ohne Scheinbehandlung und nun die neue Studie aus Hefei. Eine größere, doppelt verblindete Studie mit 66 Teilnehmenden hat 2026 in Guangzhou begonnen und soll 2027 abgeschlossen sein.

Zu anderen Parkinson-Beschwerden ist die Lage aufschlussreich:

  • Erschöpfung (Fatigue): Zwei sorgfältig gemachte Studien aus den USA (94 Teilnehmende) und Singapur (40 Teilnehmende) fanden, dass sich die Erschöpfung unter echter und unter Scheinakupunktur gleich stark besserte. Die Autoren folgerten, dass die Wirkung überwiegend unspezifisch ist.
  • Schlaf und Angst: Zwei Studien aus Guangzhou, veröffentlicht in der angesehenen Zeitschrift JAMA Network Open, fanden Vorteile echter Akupunktur gegenüber Scheinakupunktur bei Schlafqualität (2024) und Angst (2022). Bei der Angst zeigte sich der Unterschied allerdings erst acht Wochen nach Behandlungsende, nicht direkt danach.
  • Zusammenfassende Analysen: Mehrere neuere Meta-Analysen mit Dutzenden Studien melden Vorteile der Akupunktur für viele Parkinson-Symptome. Sie beruhen aber ganz überwiegend auf kleinen chinesischen Studien, und die Autoren selbst stufen die Aussagekraft meist als niedrig bis mäßig ein.

Das Gesamtbild: Akupunktur ist bei Parkinson kein Wundermittel, aber auch kein reiner Unsinn. Sie kann manchen Menschen Linderung verschaffen – ein großer Teil davon geht jedoch vermutlich auf unspezifische Effekte zurück. Für die spezifische Frage, ob Elektroakupunktur Parkinson-Schmerzen gezielt lindert, reicht die Datenlage noch nicht.

Behandlungsmöglichkeiten im Vergleich

Die folgende Übersicht ordnet die Elektroakupunktur zwischen anderen Ansätzen gegen Schmerzen des Bewegungsapparats bei Parkinson ein. Sie ersetzt keine ärztliche Beratung.

Ansatz Wofür vor allem Datenlage bei Parkinson Zu beachten
Optimierung der Parkinson-Medikamente Schmerzen bei Steifigkeit, Dystonie, OFF-Phasen Von Fachleuten als erster Schritt empfohlen Nur in Absprache mit der Neurologin oder dem Neurologen; Schmerztagebuch hilfreich
Physiotherapie und regelmäßige Bewegung Muskel- und Gelenkschmerzen, Haltung, Steifigkeit Gut belegt für Beweglichkeit; für Schmerz plausibel, aber wenig gezielt untersucht Auf Rezept; Wirkung hält nur bei dauerhaftem Üben
Übliche Schmerzmittel Arthrose, Rücken, akute Beschwerden Kaum parkinson-spezifische Studien Nebenwirkungen im Alter beachten (Magen, Niere, Sturzgefahr, Verstopfung)
Akupunktur (klassisch) Chronische Rücken-, Nacken-, Knie- und Schulterschmerzen Wenige kleine Studien; allgemein kleiner Vorsprung vor Scheinakupunktur Kassenleistung nur bei Lendenwirbelsäule und Knie-Arthrose
Elektroakupunktur am Kopf (wie in der neuen Studie) Muskel- und Gelenkschmerzen bei Parkinson Eine kleine, kurze Studie; nur Schmerz besser als Scheinbehandlung Selbstzahlerleistung; mit Hirnschrittmacher vorher mit dem Zentrum klären
Tiefe Hirnstimulation Schmerzen, die an Wirkungsschwankungen gekoppelt sind Besserung von Parkinson-Schmerzen in Studien beschrieben Nur für ausgewählte Betroffene; die Indikation richtet sich nach den motorischen Beschwerden

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Akupunktur in Deutschland: Kosten, Qualität, Sicherheit

Wer bezahlt?

Seit 2007 übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen Akupunktur nur bei zwei Diagnosen: bei chronischen Schmerzen der Lendenwirbelsäule und bei chronischen Knieschmerzen durch Arthrose. Die Beschwerden müssen seit mindestens sechs Monaten bestehen. Bezahlt werden bis zu zehn Sitzungen innerhalb von sechs Wochen, in begründeten Fällen bis zu 15 im Jahr. Für alle anderen Beschwerden – auch für Schulter- oder Nackenschmerzen bei Parkinson – ist Akupunktur eine Selbstzahlerleistung. Private Krankenversicherungen und Beihilfe erstatten je nach Tarif. Fragen Sie vor Beginn nach den Kosten pro Sitzung und der geplanten Zahl der Sitzungen.

Wer darf behandeln?

Achten Sie auf eine ärztliche Zusatzbezeichnung „Akupunktur“. Die Akupunktur auf Kassenrezept dürfen nur Ärztinnen und Ärzte mit dieser Qualifikation abrechnen. Eine Elektroakupunktur am Kopf wie in der Studie wird in Deutschland nur selten angeboten.

Wie sicher ist Akupunktur?

Von qualifizierten Behandelnden durchgeführt, gilt Akupunktur als sehr sicher. Häufig sind kleine Blutergüsse, kurzes Nachbluten oder vorübergehende Müdigkeit. Schwere Komplikationen sind selten. Bei Parkinson gibt es aber einige Punkte, die Sie ansprechen sollten.

Wichtig – vor Beginn klären

Tiefe Hirnstimulation: Bei einem Hirnschrittmacher verlaufen Elektroden und Verbindungskabel unter der Kopfhaut und am Hals. Elektroakupunktur – also Strom über Nadeln – und Nadeln im Bereich der Kabel sollten Sie nur nach Rücksprache mit Ihrem Stimulationszentrum zulassen. Gleiches gilt bei Herzschrittmachern und anderen Implantaten.

Blutverdünner: Wer Gerinnungshemmer einnimmt, sollte das vor der Behandlung sagen.

Kreislauf: Viele Menschen mit Parkinson haben einen niedrigen Blutdruck im Stehen. Stehen Sie nach der Sitzung langsam auf.

Medikamente: Akupunktur ersetzt keine Parkinson-Therapie. Setzen Sie keine Medikamente ab, weil Sie eine Akupunktur beginnen.

Fragen für Ihre nächste Sprechstunde

Wenn Schmerzen Ihren Alltag bestimmen, sprechen Sie das aktiv an. Führen Sie vorher eine Woche lang ein kurzes Tagebuch: Wo tut es weh, wie stark (0 bis 10), zu welcher Tageszeit – und wann haben Sie Ihre Tabletten genommen?

  1. Hängen meine Schmerzen mit der Parkinson-Krankheit zusammen – oder haben sie eine andere Ursache, etwa Arthrose oder die Wirbelsäule?
  2. Treten meine Schmerzen vor allem im OFF auf? Könnte eine Anpassung meiner Parkinson-Medikamente helfen?
  3. Kann es sich um eine Dystonie handeln, etwa bei morgendlichen Krämpfen in Fuß oder Zehen?
  4. Würde mir eine gezielte Physiotherapie helfen, und können Sie sie mir verordnen?
  5. Welche Schmerzmittel sind für mich geeignet, wenn ich die Nebenwirkungen und meine anderen Medikamente berücksichtige?
  6. Spricht aus Ihrer Sicht etwas dagegen, dass ich Akupunktur ausprobiere – und worauf muss ich bei meinem Hirnschrittmacher, meinen Blutverdünnern oder meinem Blutdruck achten?
  7. Wäre eine Vorstellung in einer Schmerzambulanz oder einer Parkinson-Fachklinik sinnvoll?

Fazit

Die neue Studie aus China liefert einen Hinweis, keinen Beweis. Fünf Sitzungen Elektroakupunktur am Kopf haben Schmerzen des Bewegungsapparats bei Parkinson etwas stärker gelindert als eine Scheinbehandlung – wie viel stärker, bleibt offen. Die weitergehenden Versprechen für Beweglichkeit, Stimmung und Lebensqualität halten der eigenen Auswertung der Studie nicht stand: Dort unterschieden sich die Gruppen nicht. Die Studie ist klein, kurz und womöglich nicht wirksam verblindet.

Für Ihren Alltag heißt das: Schmerzen bei Parkinson sind häufig, ernst zu nehmen und behandelbar. Der erste Schritt ist ein Gespräch mit Ihrer Neurologin oder Ihrem Neurologen über die Einstellung Ihrer Parkinson-Medikamente, der zweite eine gezielte Physiotherapie und regelmäßige Bewegung. Wer darüber hinaus Akupunktur ausprobieren möchte, kann das bei einer qualifizierten Ärztin oder einem qualifizierten Arzt tun – mit realistischen Erwartungen, im Wissen um die Kosten und nach Absprache, wenn ein Hirnschrittmacher im Spiel ist. Ob gerade die Elektroakupunktur am Kopf einen besonderen Vorteil bringt, werden erst größere und längere Studien zeigen. Die erste davon läuft bereits.

Quellen

  1. Zhu S, Xia A, Zhu B, Wang A, Gu H, Mei S, Chen H, Li J. Klinische Wirksamkeit und Sicherheit der Elektroakupunktur im motorischen Areal bei Parkinson-Krankheit mit muskuloskelettalen Schmerzen: eine randomisierte kontrollierte Studie [Chinesisch]. Zhongguo Zhen Jiu 2026;46(9):1415–1420. doi: 10.13703/j.0255-2930.20250604-k0002. PubMed 42744626 · Originalartikel (Deutsch)
  2. Brennpunkt Parkinson: Wirksamkeit von Elektroakupunktur bei Parkinson-Patienten mit Schmerzen. Zum Eintrag im Archiv
  3. Tinazzi M, Gandolfi M, Artusi CA et al. Advances in diagnosis, classification, and management of pain in Parkinson’s disease. Lancet Neurology 2025;24(4):331–347. PubMed 40120617
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Wenn die Blase drängt: Harnprobleme bei der Parkinson-Krankheit

Nachts viermal aufstehen, plötzlicher Harndrang, der keinen Aufschub duldet, und die ständige Suche nach der nächsten Toilette – Blasenbeschwerden gehören zu den belastendsten Begleitern der Parkinson-Krankheit und werden im Sprechzimmer am seltensten angesprochen. Ein internationales Expertengremium hat jetzt erstmals einen strukturierten Handlungsleitfaden vorgelegt. Die vielleicht wichtigste Botschaft darin: Die erste Wahl ist kein Medikament.

Rubrik: Brennpunkt Parkinson  ·  Lesezeit: ca. 13 Minuten  ·  Erschienen am 18. September 2026

Über Zittern wird gesprochen, über Steifigkeit, über das Einfrieren beim Gehen. Über die Blase spricht kaum jemand. Dabei berichten je nach Untersuchung zwischen einem Drittel und drei Vierteln aller Menschen mit Parkinson-Krankheit über Beschwerden beim Wasserlassen – und viele von ihnen sagen, dass diese Symptome den Alltag stärker einschränken als der Tremor. Wer nachts fünfmal zur Toilette muss, schläft nicht. Wer nicht schläft, hat am nächsten Tag mehr Off-Phasen, mehr Unsicherheit beim Gehen, mehr Sturzrisiko. Und wer sich nicht mehr traut, das Haus zu verlassen, weil er nicht weiß, wo die nächste Toilette ist, verliert genau die Bewegung und die sozialen Kontakte, die bei dieser Erkrankung am meisten helfen.

Im September 2026 ist in der Fachzeitschrift Parkinsonism & Related Disorders eine Arbeit erschienen, die diese Lücke schließen soll: Konsensempfehlungen eines interdisziplinären Expertengremiums zur Abklärung und Behandlung von Blasenfunktionsstörungen bei der Parkinson-Krankheit. Wir haben uns angesehen, was darin steht – und was es für den Alltag bedeutet.

Warum die Blase bei Parkinson aus dem Takt gerät

Das Wasserlassen ist einer der am feinsten regulierten Vorgänge des Körpers. Die Blase muss über Stunden entspannt Urin sammeln und dann, auf ein bewusstes Signal hin, koordiniert entleeren – der Blasenmuskel zieht sich zusammen, während der Schließmuskel sich gleichzeitig öffnet. Gesteuert wird das von einem Netzwerk aus Hirnstamm, Großhirnrinde und Basalganglien. Die Basalganglien, also genau jene Region, die bei der Parkinson-Krankheit vom Dopaminmangel betroffen ist, wirken dabei als Bremse: Sie unterdrücken den Entleerungsreflex, solange es nicht passt.

Fällt diese Bremse teilweise aus, meldet sich die Blase schon bei geringer Füllmenge – und zwar nicht als leises Hinweissignal, sondern als gebieterischer Drang. Fachlich heißt das Detrusorüberaktivität, im Alltag nennt man es überaktive Blase. Typisch sind drei Beschwerden: häufiger Harndrang tagsüber, plötzlicher, kaum aufschiebbarer Drang, und Nykturie – nächtliches Wasserlassen, das häufigste und zugleich folgenreichste Symptom, weil es den Schlaf zerlegt.

Seltener, aber nicht ungewöhnlich, kommt das gegenteilige Problem vor: Die Blase entleert sich nicht vollständig. Das kann an einer schwachen Blasenmuskulatur liegen, an einer Koordinationsstörung zwischen Blase und Schließmuskel oder – bei Männern häufig – schlicht an einer vergrößerten Prostata, die mit der Parkinson-Krankheit nichts zu tun hat. Restharn ist tückisch, weil er kaum Beschwerden macht, aber Harnwegsinfekte begünstigt. Und ein Harnwegsinfekt kann bei Parkinson-Betroffenen die motorischen Symptome innerhalb von Stunden dramatisch verschlechtern oder einen Verwirrtheitszustand auslösen.

Wichtig zu wissen: Nicht jedes Blasenproblem bei einem Menschen mit Parkinson-Krankheit ist ein Parkinson-Symptom. Prostatavergrößerung, Beckenbodenschwäche nach Geburten, Diabetes, entwässernde Medikamente, Herzschwäche und schlicht die Trinkmenge am Abend spielen mit hinein. Genau deshalb steht am Anfang der neuen Empfehlungen die Abklärung, nicht die Behandlung.

Die neuen Konsensempfehlungen: vier Schritte statt Rezeptblock

Das Gremium hinter der Arbeit war bewusst breit besetzt: Neurologinnen und Neurologen mit Schwerpunkt Bewegungsstörungen, Urologen, Urogynäkologen und ein Altersmediziner mit Erfahrung in Blasenfunktionsstörungen. Die Empfehlungen entstanden in einem sogenannten Delphi-Verfahren – die Fachleute formulierten Aussagen, diskutierten, überarbeiteten und stimmten so lange ab, bis ein Konsens erreicht war. Das ist nicht dasselbe wie eine Leitlinie auf Basis großer randomisierter Studien; es ist strukturierte Expertenmeinung dort, wo belastbare Studien fehlen. Das sollte man beim Lesen im Hinterkopf behalten – die Autoren selbst benennen diesen Punkt.

Die Empfehlungen decken vier Bereiche ab. Erstens die Erfassung: Blasenbeschwerden sollen aktiv abgefragt werden, in jedem Krankheitsstadium, weil Betroffene sie von sich aus oft nicht ansprechen. Zweitens die parkinsonspezifischen Faktoren: Beweglichkeit und Wirkungsschwankungen gehören zur Blasenfrage dazu, denn wer in der Off-Phase 90 Sekunden braucht, um aufzustehen, hat kein reines Blasenproblem, sondern ein Wegeproblem. Drittens die Abklärung: Urinuntersuchung zum Ausschluss eines Infekts, Bestimmung des Restharns per Ultraschall, ein Miktionsprotokoll über einige Tage, Durchsicht der Medikamentenliste. Viertens Behandlung und Rehabilitation, mit einem klaren Stufenplan – und einer klaren Rangfolge.

Die Überraschung: Beckenbodentraining schlägt sich so gut wie die Tablette

Die interessanteste Entwicklung der letzten Jahre steht nicht in den Empfehlungen selbst, sondern in der Studie, auf die sie sich stützen. Im September 2025 erschien in JAMA Neurology eine randomisierte Nichtunterlegenheitsstudie, die genau die Frage stellte, die Betroffene interessiert: Hilft ein Training ebenso gut wie ein Medikament?

77 Menschen mit Parkinson-Krankheit und ausgeprägten Beschwerden einer überaktiven Blase wurden an vier US-amerikanischen Kliniken über zwölf Wochen entweder mit Verhaltenstherapie oder mit dem Blasenmedikament Solifenacin behandelt. Die Verhaltenstherapie bestand aus Beckenbodentraining und erlernten Strategien zur Drangunterdrückung, angeleitet von einer spezialisierten Pflegekraft. Das Ergebnis: Beide Gruppen verbesserten sich deutlich und praktisch gleich stark – der Symptomwert sank von durchschnittlich 8,5 auf 5,5 Punkte in der Trainingsgruppe und von 9,1 auf 5,8 in der Medikamentengruppe. Die Nichtunterlegenheit war damit belegt. Der Unterschied lag woanders: Mundtrockenheit und Stürze traten in der Medikamentengruppe häufiger auf; vier Teilnehmer brachen dort die Behandlung ab, in der Trainingsgruppe keiner.

Das ist ein bemerkenswertes Ergebnis, und es ist mit den üblichen Einschränkungen zu lesen: 77 Teilnehmer sind keine große Zahl, 84 Prozent davon waren Männer, alle wurden in Einrichtungen der US-Veteranenverwaltung behandelt, und wer eine deutliche kognitive Einschränkung hatte, konnte nicht teilnehmen. Für Menschen mit fortgeschrittener Demenz lässt sich daraus also nichts ableiten. Und Training ist kein Selbstläufer: Es braucht eine fachkundige Anleitung, Übung über Wochen und die Bereitschaft, dranzubleiben.

Was „Drangunterdrückung“ praktisch heißt: Nicht sofort losstürzen, wenn der Drang kommt. Stehenbleiben oder hinsetzen, den Beckenboden mehrfach kurz und kräftig anspannen, ruhig atmen, bis die Drangwelle abebbt – sie tut es in der Regel nach wenigen Momenten – und erst dann in normalem Tempo zur Toilette gehen. Das Losrennen ist bei Parkinson doppelt ungünstig: Es erhöht den Druck auf die Blase und es ist die Situation, in der die meisten Stürze passieren.

Medikamente: Welche, und warum die Wahl eine Rolle spielt

Wenn Training allein nicht reicht, kommen Medikamente ins Spiel. Hier lohnt ein genauer Blick, denn die beiden gängigen Wirkstoffgruppen unterscheiden sich für Parkinson-Betroffene deutlich.

Die ältere Gruppe sind die Anticholinergika beziehungsweise Antimuskarinika – Wirkstoffe wie Oxybutynin, Tolterodin, Solifenacin oder Trospiumchlorid. Sie dämpfen die Blasenmuskulatur wirksam, blockieren aber denselben Botenstoff, den das Gehirn für Gedächtnis und Aufmerksamkeit braucht. Bei Menschen mit Parkinson-Krankheit, deren cholinerges System ohnehin geschwächt ist, kann das Verwirrtheit, Gedächtnisprobleme oder ein Delir begünstigen. Eine große US-amerikanische Auswertung von 27.091 Versicherten über 65 Jahren mit Parkinson-Krankheit verglich beide Gruppen: Wer neu ein Anticholinergikum begann, hatte in den folgenden 90 Tagen ein um 23 Prozent erhöhtes Risiko für eine Notaufnahme oder ungeplante Krankenhausaufnahme gegenüber jenen, die ein Beta-3-Präparat erhielten. Für anticholinerg bedingte Nebenwirkungen im Besonderen lag das Risiko um 18 Prozent höher.

Die neuere Gruppe sind die Beta-3-Agonisten, in Deutschland vor allem Mirabegron. Sie wirken über einen anderen Mechanismus – sie fördern die Entspannung der Blase in der Füllphase – und passieren die Blut-Hirn-Schranke kaum. Zu beachten ist der Blutdruck, der unter Mirabegron steigen kann; das ist bei Parkinson-Betroffenen, die häufig eher mit Blutdruckabfällen beim Aufstehen zu kämpfen haben, im Einzelfall sogar günstig, muss aber kontrolliert werden. Und auch hier gilt: Eine Kohortenstudie aus Abrechnungsdaten zeigt Zusammenhänge, keine Ursachen; die Gruppen unterscheiden sich trotz statistischer Angleichung möglicherweise in Dingen, die niemand erfasst hat.

Ansatz Wie es wirkt Worauf zu achten ist
Verhaltenstherapie, Beckenbodentraining Stärkt den Verschluss, trainiert die Drangunterdrückung Braucht Anleitung und Übung; in der Studie gleichwertig zur Tablette, ohne deren Nebenwirkungen
Beta-3-Agonist (Mirabegron) Entspannt die Blase in der Füllphase Kaum Wirkung auf das Gehirn; Blutdruck kontrollieren
Anticholinergika (z. B. Oxybutynin, Solifenacin, Trospium) Dämpft den überaktiven Blasenmuskel Kann Denkleistung und Wachheit beeinträchtigen; Mundtrockenheit, Verstopfung, Restharn. Trospium gilt als am wenigsten hirngängig
Botulinumtoxin in die Blasenwand Legt den überaktiven Muskel gezielt ruhig Wirkt Monate; Risiko, dass die Entleerung zu schwach wird und zeitweise katheterisiert werden muss
Maßnahmen gegen nächtliches Wasserlassen Trinkverhalten, Beine hochlagern, Zeitpunkt entwässernder Medikamente Oft wirksamer als jede Tablette; Desmopressin nur unter Natriumkontrolle und bei Älteren mit Zurückhaltung

Ein Punkt, der in der Praxis gern untergeht: Auch die Parkinson-Medikation selbst wirkt auf die Blase. Levodopa kann die Blasenfunktion in der On-Phase verbessern – wer also vor allem in Off-Phasen Probleme hat, braucht möglicherweise keine Blasentablette, sondern eine bessere Einstellung der Parkinson-Therapie. Umgekehrt zählen Amantadin und die zur Tremorbehandlung eingesetzten anticholinergen Parkinson-Medikamente wie Biperiden zur selben problematischen Wirkstoffgruppe wie die älteren Blasenmittel. Die Summe aller anticholinergen Wirkungen im Medikamentenplan – Fachleute sprechen von der anticholinergen Last – ist oft entscheidender als jedes Einzelpräparat.

Wann Blasenprobleme ein Warnzeichen sind: Treten schwere Blasenstörungen sehr früh im Krankheitsverlauf auf, noch bevor die Beweglichkeit deutlich eingeschränkt ist, oder gehen sie mit erheblichem Restharn und ausgeprägten Blutdruckabfällen beim Aufstehen einher, gilt das als Hinweis auf eine Multisystematrophie – eine seltenere Erkrankung, die der Parkinson-Krankheit anfangs ähnelt, aber anders verläuft. Das ist kein Grund zur Panik und in den allermeisten Fällen trifft es nicht zu, aber es ist ein Grund, die Konstellation der behandelnden Neurologin zu schildern.

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Was Sie selbst tun können

Vieles, was hilft, steht in keinem Rezept. Ein Miktionsprotokoll über drei Tage – wann und wie viel getrunken, wann zur Toilette, wann Drang oder unfreiwilliger Urinverlust – ist das wirksamste Werkzeug, das Sie in die Sprechstunde mitbringen können. Es zeigt Muster, die im Gespräch untergehen: dass der Drang vor allem abends auftritt, dass die Trinkmenge sich auf den späten Nachmittag konzentriert, dass die entwässernde Tablette um 17 Uhr eingenommen wird.

Weiter gehört dazu: die Trinkmenge nicht reduzieren, sondern verlagern – zu wenig Trinken konzentriert den Urin und reizt die Blase zusätzlich, außerdem verschlechtert es die Wirkung mancher Parkinson-Medikamente. Koffein und Alkohol am Abend meiden, beide wirken harntreibend und blasenreizend. Wer abends geschwollene Beine hat, lagert sie am späten Nachmittag für eine Stunde hoch, damit die eingelagerte Flüssigkeit nicht nachts ausgeschieden wird. Und der Weg zur Toilette sollte nachts frei, beleuchtet und kurz sein – ein Nachtlicht und ein aufgeräumter Flur verhindern mehr Stürze als jedes Medikament.

Für das Gespräch mit der behandelnden Ärztin oder dem Arzt:

  • Wurde bei mir schon einmal der Restharn per Ultraschall bestimmt – und wie hoch war er?
  • Enthält mein Medikamentenplan Wirkstoffe mit anticholinerger Wirkung, die sich addieren?
  • Treten meine Beschwerden eher in Off-Phasen auf? Könnte eine Anpassung der Parkinson-Therapie helfen, bevor ein zusätzliches Medikament dazukommt?
  • Gibt es in meiner Nähe eine Physiotherapie oder Kontinenzberatung mit Erfahrung im Beckenbodentraining bei neurologischen Erkrankungen?
  • Wenn ein Medikament nötig ist: Spricht in meinem Fall etwas gegen ein Präparat, das die Denkleistung nicht beeinträchtigt?

Fazit

Blasenbeschwerden sind bei der Parkinson-Krankheit häufig, sie sind behandelbar, und sie sind es wert, angesprochen zu werden – auch wenn das Überwindung kostet. Die neuen Konsensempfehlungen bringen vor allem Ordnung in ein Feld, in dem bisher jeder anders vorging: erst abklären, dann parkinsonspezifische Ursachen prüfen, dann nicht-medikamentös beginnen, und erst danach zum Medikament greifen – und dann zu einem, das dem Gehirn nicht schadet. Dass ein zwölfwöchiges Beckenbodentraining in einer kontrollierten Studie mit einer Tablette mithalten konnte, bei weniger Nebenwirkungen und weniger Stürzen, ist die vielleicht ermutigendste Nachricht dieses Jahres für alle, die mit diesem Thema leben. Es ist zugleich eine, die Arbeit macht – Training ist anstrengender als Schlucken. Aber es ist Arbeit, die sich nach allem, was wir wissen, lohnt.

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