Hannover 2026: Die größte Parkinson-Tischtennis-WM aller Zeiten – und der Preis des Wachstums

Rund 800 Aktive, 90 Tische, drei Hallen und 15 neue Weltmeistertitel: Die 7. PingPongParkinson-Weltmeisterschaft in Hannover hat alle Rekorde gebrochen. Was bleibt von diesen fünf Tagen – und warum sagen nicht wenige Teilnehmende, dass etwas Wertvolles auf der Strecke geblieben ist?

Als am Mittwochnachmittag, dem 30. September, die letzten Endspiele zu Ende gingen, passierte in der Swiss Life Hall, was die Veranstalter später als Markenzeichen dieser Weltmeisterschaft beschrieben: Die Finalistinnen und Finalisten fielen sich in die Arme. Gewinner und Verlierer, in jedem einzelnen Endspiel.

Fünf Tage lang, vom 26. bis 30. September 2026, war der Sportpark Hannover am Maschsee das Zentrum der weltweiten Parkinson-Tischtennis-Bewegung. Es war die zweite PingPongParkinson-Weltmeisterschaft in Deutschland und mit Abstand die größte, die es je gab. Dieser Rückblick fasst zusammen, was geschehen ist, erzählt einige der Geschichten hinter den Zahlen – und spricht offen an, was von nicht wenigen Beteiligten als Nachteil empfunden wurde: Aus dem familiären Treffen ist eine professionell gemanagte Großveranstaltung geworden.

Rückblick auf die WM 2026 – die Seite zum Nachschauen

Alles zur Weltmeisterschaft in Hannover finden Sie gebündelt auf der Seite Rückblick auf die WM 2026 (presse.blues-park.de/journal.html). Dahinter steckt das frühere Presseportal von PingPongParkinson Deutschland e. V. – jetzt als Rückblick für alle, die dabei waren, und für alle, die gern dabei gewesen wären.

Das finden Sie dort:

  • alle Pressemitteilungen zur WM als PDF – von der Ankündigung bis zum Abschlussbericht
  • die Infomappe von PingPongParkinson Deutschland e. V. (Profil, Zahlen, Geschichte, Ansprechpartner)
  • Spielerporträts, je eines pro Bundesland
  • Fotos und Videos der WM 2026 in Hannover sowie Bilder und Filme früherer Turniere
  • die offiziellen Logos der WM 2026
  • das Medienecho: Presse-, Online-, TV- und Radiobeiträge über PingPongParkinson

Wer hat noch Bilder und Videos? Wenn Sie in Hannover fotografiert oder gefilmt haben und Ihr Material auf der Rückblick-Seite veröffentlicht sehen möchten, schicken Sie es bitte an ju************@***il.com. Bitte nur Aufnahmen, auf denen Sie selbst die Rechte haben und auf denen erkennbare Personen mit der Veröffentlichung einverstanden sind.

Rund 800 Aktive: Die Zahlen im Überblick

Die Dimension wird erst im Vergleich greifbar. Bei der ersten PingPongParkinson-Weltmeisterschaft 2019 gingen 61 Aktive an den Start. Bei der sechsten Auflage 2025 in Italien waren es mit 324 so viele wie nie zuvor. In Hannover wurde dieser Rekord mehr als verdoppelt.

Weltmeisterschaft Aktive Einordnung
1. WM, 2019 61 Der Anfang der Weltmeisterschaften
6. WM, 2025 (Italien) 324 bis dahin Rekord
7. WM, 2026 (Hannover) rund 800 Rekord mehr als verdoppelt

Die wichtigsten Eckdaten der Hannoveraner Weltmeisterschaft auf einen Blick:

Merkmal WM 2026 in Hannover
Zeitraum Samstag, 26., bis Mittwoch, 30. September 2026
Ort Sportpark Hannover am Maschsee: Swiss Life Hall, Sporthalle des Landessportbunds Niedersachsen (Akademie des Sports), Hockeyhalle von Hannover 78
Teilnehmende rund 800 Aktive aus über 30 Nationen, alle Kontinente außer Afrika; etwa zwei Drittel aus Deutschland, etwa drei Viertel Herren und ein Viertel Damen
Erstteilnehmende mehr als die Hälfte war zum ersten Mal bei einer Weltmeisterschaft dabei
Tische 90, davon 40 in der Swiss Life Hall, wo ab Montagnachmittag alle Haupt- und Trostrunden stattfanden
Spiele rund 4.000 Matches in Einzel, Doppel und Mixed
Spielklassen drei Einschränkungsklassen nach Spielstärke: 14 Prozent in Klasse 1, 34 Prozent in Klasse 2, 52 Prozent in Klasse 3
Titel 15 Weltmeistertitel, zehn davon mit deutscher Beteiligung
Helferinnen und Helfer mehr als 200 Volunteers

Ursprünglich war sogar eine vierte Halle mit 22 zusätzlichen Tischen geplant. Weil die Sanierung dieser Halle nicht rechtzeitig fertig wurde, blieb es bei drei Hallen. Auch der Andrang überraschte die Organisation: Die ursprünglich geplante Obergrenze von 600 Teilnehmenden war nach dem Start der Online-Registrierung schnell erreicht, am Ende kamen fast 800 zusammen.

Eröffnung mit großer Bühne

Am Freitagabend, 25. September, eröffnete eine Feier in der Swiss Life Hall die Weltmeisterschaft. Rund 1.000 Gäste erlebten Reden, Musik, Tanz und den Einmarsch der Nationen. Auf der Bühne sprachen Niedersachsens Gesundheitsminister Andreas Philippi, Hannovers Oberbürgermeister Belit Onay und Reinhard Rawe, Vorstandsvorsitzender des Landessportbunds Niedersachsen. Durch den Abend führte der ZDF-Journalist Norbert König.

Das letzte Wort hatte Thorsten Boomhuis, Gründer und Vorsitzender von PingPongParkinson Deutschland e. V. Er sprach von der größten Tischtennis-Veranstaltung in Niedersachsen seit 30 Jahren und dem größten Parkinson-Event aller Zeiten. Den symbolischen ersten Aufschlag übernahmen Boomhuis und Nenad Bach, der Initiator der weltweiten PingPongParkinson-Bewegung. Wer nicht in Hannover sein konnte, verfolgte die Spiele per Livestream: Sportdeutschland.tv übertrug mit drei Kameras aus der Swiss Life Hall.

Die Geschichten hinter den Zahlen

Chile: Zehntausend Euro und vierzehn Stunden Busfahrt

Oscar Alejandro Rodriguez Manriquez ist der erste Spieler aus Chile, der an einer PingPongParkinson-Weltmeisterschaft teilnimmt. Bei früheren Auflagen hatte er mitspielen wollen, doch die Reise war zu teuer. 2021 wurde bei ihm Parkinson festgestellt. Diesmal ging es: In seiner Heimat kamen rund 10.000 Euro an Unterstützung zusammen. Er reiste allein – von Santiago per Flugzeug nach Paris und von dort rund 14 Stunden mit dem Bus nach Hannover. Seine ersten beiden Spiele gewann er. Zwischen den Partien beugte er sich über ein Mobiltelefon an der Bande: Er übertrug seine Matches live nach Chile, an alle, die ihm die Reise ermöglicht hatten.

China: Ein Titel von 2023 und seine Wirkung

Liu Shengping, 65, ist einer von vier Aktiven aus China. Schon 2023 gewann er bei einer PingPongParkinson-Weltmeisterschaft einen Titel. Seitdem, berichtet er, werde Tischtennis in Verbindung mit Parkinson in seiner Heimat stärker wahrgenommen. Bei ihm wurde die Krankheit vor rund zehn Jahren festgestellt. Durch das Tischtennis sei es besser geworden, sagt er, und das entlaste auch seine Familie.

Die Volunteers: Brötchen, Edding und ein vergessenes Medikament

Mehr als 200 Helferinnen und Helfer hielten die Veranstaltung am Laufen. Eine von ihnen ist Ulrike Lang, die als Springerin überall einspringt, wo Hilfe gebraucht wird – vom Brötchenschmieren in der Kantine bis zum Aufbau der 90 Tische. Seit März beschäftigte sie sich vor allem mit der Akkreditierung: Tausende E-Mails schrieb sie aus dem Homeoffice. Am Empfang liegen Sicherheitsnadeln bereit. Als eine Teilnehmerin ihre Startnummer verlegte, schrieb Ulrike Lang kurzerhand mit einem Edding eine neue und befestigte sie am Rücken der Spielerin. Und als ein Teilnehmer sein L-Dopa im Hotel vergessen hatte, fragte sie herum – und fand einen anderen Teilnehmer, der aushalf.

Praxistipp

Wer mit Parkinson verreist, packt Medikamente samt Einnahmeplan ins Handgepäck und nimmt eine kleine Reserve mit. So bleibt ein vergessener Koffer oder eine Verspätung ein Ärgernis und wird nicht zum Problem für die Einnahmezeiten. Das gilt nicht nur für Weltmeisterschaften.

Kunst trifft Tischtennis

Im Rahmenprogramm in der Akademie des Sports gab es Fortbildungen, Workshops, Vorträge und Ausstellungen. Besonders in Erinnerung bleibt die Kunstausstellung: Nach einer Ausschreibung gingen rund 70 Einsendungen ein, eine Jury wählte 30 Werke von Menschen mit Parkinson-Diagnose aus. Drei Viertel der Ausstellenden zeigten ihre Arbeiten zum ersten Mal öffentlich. Initiiert hat die Ausstellung das Trio Alexine Good, Marcus Heithecker und Almut Knebel, alle drei selbst aktive PPP-Sportler. Einer der Maler, der ehemalige Pfarrer Tönnies Meyerhoff-Rösener, malt seit seinem neunten Lebensjahr. Er berichtet, die künstlerische Tätigkeit könne Beschwerden lindern, wenn Beweglichkeit und Geist beim Freezing zeitweise einfrieren.

Thorsten Boomhuis: Von rechts auf links

Auch der Vorsitzende spielte mit. In der Einschränkungsklasse 1 unterlag Thorsten Boomhuis am ersten Spieltag in seinem dritten Match des Tages dem Italiener Francesco Pulvirenti in drei Sätzen. Bemerkenswert ist seine Geschichte: Ursprünglich Rechtshänder, hat er wegen der Parkinson-Krankheit auf links umgestellt und spielt inzwischen sogar beidhändig. „Man lernt, sich immer wieder neu einzustellen“, sagte er nach dem Spiel. Ein Satz, der für viele Menschen mit Parkinson weit über den Tischtennistisch hinaus gilt.

Der Finaltag und die neuen Weltmeisterinnen und Weltmeister

Am Finaltag fielen die letzten Entscheidungen: In drei Einschränkungsklassen und fünf Konkurrenzen wurden 15 Titel vergeben. Besonders erfolgreich war Petra Heidemann, die in Klasse 3 den Einzeltitel gewann, im Doppel mit Judith Kleinebenne und im Mixed mit Andre Riedel.

Konkurrenz Klasse 1 Klasse 2 Klasse 3
Frauen Einzel Monika Hussmann (Deutschland) Mariá Osorio (Spanien) Petra Heidemann (Deutschland)
Männer Einzel Dorin Gabudean (Rumänien) Sören Christensen (Dänemark) Heiko Seebacher (Deutschland)
Frauen Doppel Melanie Jeska / Agnes Jan (Deutschland/Österreich) Mariá Osorio / Nuria Raspall Bernaus (Spanien) Petra Heidemann / Judith Kleinebenne (Deutschland)
Männer Doppel Dorin Gabudean / Jürgen Ludwig (Rumänien/Deutschland) Christian Fleischer / Tom Schumann (Deutschland) Thomas Bräumer / Klaus Glas (Deutschland)
Mixed Thorsten Flues / Silke Kind (Deutschland) Jaroslaw Grzywacz / Ewa Kerntopf (Polen) Andre Riedel / Petra Heidemann (Deutschland)

Bei den Endspielen und der Siegerehrung war auch Wolfgang Dörner zu Gast, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Tischtennis-Bunds. Er zeigte sich begeistert: Hier werde toller Sport geboten, und besonders beeindruckt habe ihn, was PingPongParkinson gemeinsam mit dem Tischtennis-Verband Niedersachsen auf die Beine gestellt habe – „da steckt viel Herzblut drin“.

Was nicht jeder gut fand: Das familiäre Flair hat gelitten

Zu einem ehrlichen Rückblick gehört auch das, was nicht für alle ein Gewinn war. Nicht wenige Teilnehmende, vor allem solche, die schon bei früheren Weltmeisterschaften dabei waren, nannten als Nachteil: Das familiäre Flair der früheren Turniere hat gelitten. Aus einem Treffen, bei dem man sich kannte, ist eine professionell gemanagte Großveranstaltung geworden.

Kritische Stimmen

Das ist weniger ein Vorwurf an die Organisation, die unter anderem vom Vorstandsvorsitzenden des Deutschen Tischtennis-Bunds ausdrücklich gelobt wurde, als die Kehrseite des Erfolgs: Je größer eine Veranstaltung wird, desto weniger bleibt sie ein Familientreffen.

Mögliche Gründe für diesen Eindruck lassen sich aus den Zahlen ablesen:

  • Die schiere Größe. Wo 2019 noch 61 Aktive zusammenkamen und 2025 immerhin 324, waren es in Hannover rund 800. Bei 61 Menschen kennt man nach zwei Tagen jeden Namen, bei 800 nicht.
  • Die Verteilung auf drei Hallen. Die Vorrunden liefen in der Swiss Life Hall, der Sporthalle des Landessportbunds und in der Hockeyhalle. Wer im Foyer zufällig ins Gespräch kam, traf sich in einem Großturnier mit mehreren Spielstätten seltener von allein wieder.
  • Mehr Regeln und mehr Technik. Online-Registrierung mit Obergrenze, Akkreditierung, Startnummern, Einteilung in drei Spielklassen, Zeitpläne, Livestream mit drei Kameras: All das macht eine Veranstaltung dieser Größe erst möglich. Es fühlt sich aber anders an als ein Turnier, das von Hand organisiert wird.
  • Eine große Bühne. Eine Eröffnungsfeier mit rund 1.000 Gästen, Politik und einem bekannten Fernsehmoderator ist ein starkes Signal nach außen. Für manchen Stammgast fühlt sie sich weniger nach „unserem“ Turnier an.
  • Viele Neue. Mehr als die Hälfte der Aktiven war zum ersten Mal bei einer Weltmeisterschaft. Das ist ein großer Erfolg, bedeutet aber auch, dass sich die Gruppen neu sortieren mussten.

Dem steht gegenüber, was die Größe möglich gemacht hat. Ein Spieler aus Chile konnte erst jetzt dabei sein. Eine Volunteerin fand für ihre Rentenzeit eine sinnvolle Aufgabe. Eine Teilnehmerin, die erst vor zwei Jahren zum ersten Mal einen Schläger in der Hand hatte, spielte ihre erste Weltmeisterschaft und kam in allen Konkurrenzen aus der Vorrunde heraus. Das Wachstum ist kein Betriebsunfall, sondern das Ergebnis eines Erfolgs. Es ist auch ein Dilemma: Nähe und Größe lassen sich nur schwer gleichzeitig haben.

Die Familie hat sich verlagert

Interessant ist, dass der Begriff „Familie“ in Hannover trotzdem oft fiel. Judith Kleinebenne vom SV Etteln sagte über das Tischtennis: „Es ist alles wie eine große Familie.“ Sie lernte Karo Farys bei einem Parkinson-Turnier in Ostwestfalen kennen, seither sind die beiden befreundet und trafen sich in Hannover wieder. Karo Farys ist mit ihrem Vater Herbert Steinbrink gekommen, der mitspielt. Die SG Sendenhorst und der SVD Drensteinfurt reisten mit acht und sechs Aktiven an, inklusive Betreuern waren sie 25 und hängten an der Tribüne ein selbstgemachtes Plakat auf.

Man kann das so lesen: Das Familiäre ist nicht verschwunden, sondern in die Gruppen gewandert – in die Vereine, die Freundeskreise, die Stützpunkte vor Ort, die miteinander anreisen. Bei einer Großveranstaltung entsteht Familie weniger zufällig als früher und häufiger dort, wo Menschen schon vorher verbunden sind.

Anregungen aus der Redaktion

Das sind keine Beschlüsse des Veranstalters, sondern Gedanken für die Zeit nach Hannover: Feste Treffpunkte für Erstteilnehmende und Stammgäste, kleine regionale Runden an einem gemeinsamen Abend, Patenschaften zwischen erfahrenen und neuen Aktiven oder ein Ort, an dem man sich auch ohne Spielplan trifft. Welche davon wirklich helfen, wissen am besten die Teilnehmenden selbst.

Tischtennis und Parkinson: Was Erfahrungsberichte sagen – und was nicht

In den Gesprächen in Hannover ging es immer wieder um die Frage, was der Sport bewirkt. Karo Farys berichtet über ihren Vater, mit Tischtennis sei vieles besser geworden: Er sei mobiler, seine Hand ruhiger, und der Verlauf der Krankheit sei milder geworden. Liu Shengping sagt, das Tischtennis habe es für ihn besser gemacht. Der Maler Tönnies Meyerhoff-Rösener erzählt von den Wirkungen der Kunst beim Freezing. Und Lars Petersen, ein Betreuer der Schweizer Mannschaft, beschreibt das Coaching von Menschen mit Parkinson als „herzlicher und dankbarer“, auch weil Medikamenteneinnahme und -wirkung mitgedacht werden müssen.

Zur Einordnung

Das sind persönliche Erfahrungen, und sie sind ernst zu nehmen. Sie sind aber keine Belege dafür, dass Tischtennis den Verlauf der Parkinson-Krankheit verändert. Dass regelmäßige Bewegung und Training heute fest zu einer guten Behandlung gehören, ist in der Fachwelt unstrittig. Ob Tischtennis darüber hinaus etwas Besonderes bewirkt, lässt sich aus Einzelberichten nicht ableiten. Bevor Sie mit einer neuen Sportart beginnen, sprechen Sie bitte mit Ihrer Neurologin oder Ihrem Neurologen.

Unbestritten ist, was Veranstaltungen wie diese außerdem leisten: Sie zeigen, dass die Diagnose nicht das Ende von Aktivität und Gemeinschaft bedeutet. Wie Judith Kleinebenne: Mit 40 Jahren erhielt sie die Diagnose, nachdem Ärzte Parkinson zunächst ausgeschlossen hatten, weil sie weiblich und zu jung sei. Heute lebt sie mit einem Hirnschrittmacher, spielt dreimal pro Woche Tischtennis, hat einen Stützpunkt in Etteln aufgebaut und wurde in Hannover Weltmeisterin.

Ausblick: Magglingen 2027

Die nächste PingPongParkinson-Weltmeisterschaft findet vom 12. bis 17. Oktober 2027 in Magglingen in der Schweiz statt. Die Eidgenossen haben Hannover bereits als Lehrstück genutzt und reisten mit 25 Aktiven an. „So konnten wir uns das schon mal angucken und davon lernen, wie das alles abläuft“, sagt Lars Petersen, einer der drei Betreuer des Schweizer Nationalteams. Er selbst wurde in der Akademie des Sports in Hannover als Jugendlicher ausgebildet und hat dort früher gespielt. Die Rückkehr genoss er sichtlich.

Ob Magglingen zeigt, wie sich Größe und Nähe verbinden lassen, bleibt abzuwarten. Die Schweiz startet mit einem Vorteil: Sie kann aus Hannover lernen – aus dem, was gut gelungen ist, und aus dem, was gefehlt hat.

Rückblick auf die WM 2026 – die Seite zum Nachschauen

Alles zur Weltmeisterschaft in Hannover finden Sie gebündelt auf der Seite Rückblick auf die WM 2026 (presse.blues-park.de/journal.html). Dahinter steckt das frühere Presseportal von PingPongParkinson Deutschland e. V. – jetzt als Rückblick für alle, die dabei waren, und für alle, die gern dabei gewesen wären.

Das finden Sie dort:

  • alle Pressemitteilungen zur WM als PDF – von der Ankündigung bis zum Abschlussbericht
  • die Infomappe von PingPongParkinson Deutschland e. V. (Profil, Zahlen, Geschichte, Ansprechpartner)
  • Spielerporträts, je eines pro Bundesland
  • Fotos und Videos der WM 2026 in Hannover sowie Bilder und Filme früherer Turniere
  • die offiziellen Logos der WM 2026
  • das Medienecho: Presse-, Online-, TV- und Radiobeiträge über PingPongParkinson

Wer hat noch Bilder und Videos? Wenn Sie in Hannover fotografiert oder gefilmt haben und Ihr Material auf der Rückblick-Seite veröffentlicht sehen möchten, schicken Sie es bitte an ju************@***il.com. Bitte nur Aufnahmen, auf denen Sie selbst die Rechte haben und auf denen erkennbare Personen mit der Veröffentlichung einverstanden sind.

Fragen für Ihren Verein oder Ihre Gruppe

  1. Was war Ihnen bei der Weltmeisterschaft – als Aktive, Betreuende, Angehörige oder Zuschauende – am wichtigsten? War es der Sport, die Begegnung oder das Gefühl, nicht allein zu sein?
  2. Wo haben Sie das „Familiäre“ erlebt, und wo haben Sie es vermisst?
  3. Welche Rolle spielen Vereine und Stützpunkte vor Ort dafür, dass Neue dazustoßen und sich willkommen fühlen?
  4. Gibt es bei Ihnen in der Nähe ein Angebot für Tischtennis oder andere Bewegungsformen für Menschen mit Parkinson? Wenn nicht: Wer könnte eines aufbauen?
  5. Was würden Sie sich für die nächste Weltmeisterschaft in Magglingen wünschen?

Fazit

Hannover hat gezeigt, wie weit die PingPongParkinson-Bewegung gekommen ist: von 61 Aktiven im Jahr 2019 zu rund 800 im Jahr 2026, mit 15 Weltmeistertiteln, mehr als 200 Helferinnen und Helfern und einer Bühne, die auch Politik und Sportverbände erreicht. Das ist ein Erfolg, den die Veranstalter sich verdient haben.

Zugleich meinen nicht wenige Teilnehmende ihre Rückmeldung ernst: Das familiäre Flair hat gelitten. Beides stimmt gleichzeitig. Die spannende Frage für die kommenden Weltmeisterschaften lautet nicht, ob man groß oder familiär sein will, sondern wie man die Nähe in die Größe hineinbringt. Die Antwort darauf steckt vermutlich in den kleinen Gruppen, die in Hannover so selbstverständlich zusammengehalten haben.

Quellen

  1. PingPongParkinson Deutschland e. V.: Pressemitteilung „Herzliche Umarmungen zum Abschluss“ (Hannover, 28. September 2026; eingestellt am 30.09.2026), PDF
  2. PingPongParkinson Deutschland e. V.: Pressemitteilung „Einmarsch, Emotionen, erster Aufschlag“ (Eröffnungsfeier, 25. September 2026), PDF
  3. PingPongParkinson Deutschland e. V.: Pressemitteilung „Countdown in Hannover“ (22. September 2026), PDF
  4. PingPongParkinson Deutschland e. V.: Pressemitteilung „Zahlen, Daten, Fakten“ (8. September 2026), PDF
  5. PingPongParkinson Deutschland e. V.: Pressemitteilung „Von Hannover nach Chile“ / „Chinas Tischtennis-Botschafter“ (27. September 2026), PDF
  6. PingPongParkinson Deutschland e. V.: Pressemitteilung „Wie eine große Familie“ (29. September 2026), PDF
  7. PingPongParkinson Deutschland e. V.: Pressemitteilung „Vielfältige Aufgaben für die Volunteers“ (29. September 2026), PDF
  8. PingPongParkinson Deutschland e. V.: Pressemitteilung „Kunst trifft Tischtennis in Hannover“ (30. September 2026), PDF
  9. PingPongParkinson Deutschland e. V.: Pressemitteilung „Umstellen, angreifen, weiterkämpfen“ (26. September 2026), PDF
  10. Alle Pressemitteilungen, Fotos, Videos und Porträts: Rückblick auf die WM 2026; offizielle Veranstaltungsseite: pppwc.net

Elektroakupunktur gegen Parkinson-Schmerzen: Was die neue Studie zeigt – und was nicht

Schmerzen in Schultern, Rücken, Nacken und Beinen gehören zu den häufigsten Beschwerden bei der Parkinson-Krankheit – und zu den am wenigsten beachteten. Eine neue Studie aus China meldet: Fünf Tage Elektroakupunktur am Kopf lindern diese Schmerzen besser als eine Scheinbehandlung. Wir haben genau hingesehen, was die Studie belegt, wo sie übertreibt und was Sie daraus für sich mitnehmen können.

Wer Parkinson hat, kennt das: Die Schulter schmerzt seit Monaten, der Rücken zieht, die Waden verkrampfen. In der Sprechstunde geht es um Zittern, Beweglichkeit und den Medikamentenplan – der Schmerz kommt zu kurz. Viele Betroffene suchen deshalb selbst nach Hilfe außerhalb der klassischen Medizin. Akupunktur steht dabei ganz oben auf der Liste. Eine aktuelle Studie scheint ihnen recht zu geben.

Die Arbeit stammt aus der Neurologie des Ersten Universitätsklinikums der Anhui-Universität für Chinesische Medizin in Hefei und ist im September 2026 in der chinesischen Fachzeitschrift Zhongguo Zhen Jiu („Chinesische Akupunktur und Moxibustion“) erschienen. Der Volltext liegt nur auf Chinesisch vor, eine englische Zusammenfassung ist in der Datenbank PubMed abrufbar. Die Schlussfolgerung der Autoren klingt vielversprechend: Elektroakupunktur lindere Schmerzen, verbessere die Beweglichkeit, die Stimmung und die Lebensqualität – bei guter Verträglichkeit. Ein zweiter Blick zeigt: Nur ein Teil davon ist durch die Daten gedeckt.

Was die Studie untersucht hat

Teilgenommen haben 58 Menschen mit Parkinson-Krankheit, die zusätzlich unter Schmerzen des Bewegungsapparats litten – also Schmerzen in Muskeln, Gelenken, Sehnen und Knochen. Per Los wurden sie in zwei gleich große Gruppen mit je 29 Personen aufgeteilt. In jeder Gruppe schied eine Person vorzeitig aus, ausgewertet wurden also 56.

  • Echte Elektroakupunktur: Feine Nadeln wurden in die Kopfhaut über dem sogenannten motorischen Areal gesetzt, und zwar auf der Seite, die dem Schmerz gegenüberliegt. Bei Schmerzen auf beiden Seiten wurde links genadelt. An die Nadeln wurde ein schwacher, wechselnder Strom angelegt (2 und 20 Hertz, 1 bis 2 Milliampere). Die Nadeln blieben 30 Minuten liegen.
  • Scheinbehandlung: Die Nadeln wurden 5 bis 20 Millimeter hinter dem motorischen Areal gesetzt, an einer Stelle, die in der Akupunkturlehre keine Bedeutung hat. Das Stromgerät wurde genauso angeschlossen, aber es floss kein Strom. Auch hier: 30 Minuten.
  • Dauer: Beide Gruppen wurden an fünf aufeinanderfolgenden Tagen je einmal behandelt.
  • Messungen: vor der Behandlung, direkt danach sowie zwei und vier Wochen später.

Das wichtigste Messinstrument war die visuelle Analogskala (VAS): Die Teilnehmenden markieren auf einer Linie von „kein Schmerz“ bis „stärkster vorstellbarer Schmerz“, wie stark es wehtut. Zusätzlich wurden die Beweglichkeit (mit dem ärztlichen Untersuchungsteil der UPDRS-Skala, Teil III), Depression und Angst (mit den Hamilton-Skalen) sowie die Lebensqualität (mit dem Parkinson-Fragebogen PDQ-39) erfasst.

Was ist das „motorische Areal“?

Die Studie nutzt eine Form der Schädelakupunktur, die in China in den 1970er-Jahren entwickelt wurde. Anders als bei der klassischen Akupunktur orientieren sich die Einstichstellen nicht an Meridianen, sondern grob an der Lage von Hirnregionen unter der Schädeldecke. Das „motorische Areal“ entspricht ungefähr der Region, in der das Gehirn Bewegungen steuert. Interessant: Auch die westliche Schmerzforschung stimuliert genau diese Region – etwa mit Magnetimpulsen von außen (repetitive transkranielle Magnetstimulation, rTMS). Ob eine Nadel mit schwachem Strom in der Kopfhaut die darunterliegende Hirnrinde überhaupt nennenswert erreicht, ist allerdings nicht belegt.

Was herauskam – und was nicht

Die Ergebnisse lassen sich in drei Punkten zusammenfassen:

1. Beide Gruppen hatten weniger Schmerzen

Nach der Behandlung und auch zwei und vier Wochen später gaben beide Gruppen weniger Schmerzen an als vorher – auch die Gruppe mit der Scheinbehandlung. Das ist ein häufiger Befund in Akupunkturstudien und zeigt, wie stark Zuwendung, Erwartung und das Ritual einer Behandlung allein wirken können.

2. Die echte Elektroakupunktur war beim Schmerz etwas besser

Zu allen drei Zeitpunkten lag der Schmerzwert in der Elektroakupunktur-Gruppe niedriger als in der Schein-Gruppe. Der Unterschied war statistisch signifikant – allerdings nur knapp (die Autoren geben „p kleiner als 0,05“ an). Wie groß der Unterschied auf der Schmerzskala war, verrät die Zusammenfassung nicht. Ob er für Betroffene im Alltag spürbar ist, lässt sich daher nicht beurteilen. In der Schmerzforschung gilt meist erst eine Verbesserung um etwa 1 bis 2 Punkte auf einer 10-Punkte-Skala als klinisch bedeutsam.

3. Bei Beweglichkeit, Stimmung und Lebensqualität gab es keinen Unterschied

Hier wird es wichtig. In der Elektroakupunktur-Gruppe verbesserten sich Beweglichkeit, Depression, Angst und Lebensqualität im Vergleich zum Ausgangswert. In der Schein-Gruppe nicht. Aber: Beim direkten Vergleich der beiden Gruppen – und nur der zählt – fand sich zu keinem Zeitpunkt ein statistisch bedeutsamer Unterschied. Das steht so in der Zusammenfassung der Studie selbst. Die Schlussfolgerung der Autoren, Elektroakupunktur verbessere auch Beweglichkeit, Stimmung und Lebensqualität, ist durch ihre eigenen Daten nicht gedeckt.

Zur Einordnung: „besser als vorher“ ist nicht „besser als die Kontrolle“

Ein Vorher-nachher-Vergleich innerhalb einer Gruppe sagt wenig darüber aus, ob eine Behandlung wirkt. Menschen fühlen sich nach Zuwendung besser, Beschwerden schwanken von selbst, und wer mit besonders starken Schmerzen in eine Studie kommt, hat beim nächsten Termin oft etwas weniger – rein statistisch. Genau deshalb gibt es Kontrollgruppen. Aussagekräftig ist nur der Vergleich zwischen den Gruppen. Wenn die eine Gruppe „signifikant besser als vorher“ ist und die andere knapp nicht, heißt das noch lange nicht, dass sich die Gruppen voneinander unterscheiden.

Wie belastbar ist die Studie?

Positiv ist: Die Studie war randomisiert, das heißt, der Zufall entschied über die Gruppe. Sie hatte eine Scheinbehandlung als Vergleich, und sie hat die Teilnehmenden vier Wochen über das Behandlungsende hinaus beobachtet. Schwere Nebenwirkungen traten nicht auf. Das ist mehr, als viele Akupunkturstudien bieten.

Die Grenzen sind aber erheblich:

  • Sehr klein: 56 ausgewertete Personen reichen, um einen großen Effekt zu entdecken – für verlässliche Aussagen über Beweglichkeit, Stimmung oder Lebensqualität sind es zu wenige.
  • Sehr kurz: Fünf Behandlungen an fünf Tagen und vier Wochen Nachbeobachtung sagen nichts darüber, wie es nach drei oder sechs Monaten aussieht. Schmerzen bei Parkinson sind aber meist ein Dauerproblem.
  • Verblindung fraglich: In der Echt-Gruppe floss Strom, in der Schein-Gruppe nicht. Schon ein bis zwei Milliampere sind als Kribbeln oder Klopfen spürbar. Viele Teilnehmende dürften also gemerkt haben, in welcher Gruppe sie waren. Ob die Verblindung überprüft wurde, geht aus der Zusammenfassung nicht hervor. Wer weiß, dass er „richtig“ behandelt wird, bewertet seinen Schmerz oft günstiger.
  • Subjektives Maß: Schmerz lässt sich nur durch Selbstauskunft messen. Das ist unvermeidbar, macht das Ergebnis aber anfällig für Erwartungseffekte.
  • Keine Effektgrößen: Ohne Angabe, um wie viele Punkte sich der Schmerz unterschied, bleibt „signifikant“ ein leeres Wort.
  • Unklare Schmerzarten: Die Studie fasst alle Schmerzen des Bewegungsapparats zusammen. Ob es sich um Schmerzen durch Steifigkeit, durch Fehlhaltung, durch Arthrose oder um Wirkungsschwankungen der Medikamente handelte, bleibt offen.
  • Ein Zentrum, nur Chinesisch: Die Studie wurde an einem einzigen Krankenhaus durchgeführt, der Volltext ist für die internationale Fachwelt kaum überprüfbar.

Ein bekanntes Problem

Schon 1998 zeigte eine vielzitierte Untersuchung britischer Forscher um Andrew Vickers: Von den damals ausgewerteten Akupunkturstudien aus China, Japan, Hongkong und Taiwan war jede einzelne positiv. Bei Studien aus England lag der Anteil deutlich niedriger. Die wahrscheinlichste Erklärung ist, dass negative Ergebnisse seltener veröffentlicht werden. Das heißt nicht, dass chinesische Studien falsch sind – aber einzelne kleine, positive Studien sollte man mit Vorsicht lesen, solange sie nicht anderswo bestätigt werden.

Schmerzen bei Parkinson: häufig und vielgestaltig

Dass Schmerz überhaupt zum Parkinson-Thema gemacht wird, ist ein Verdienst der letzten Jahre. Eine große Übersichtsarbeit im Fachjournal Lancet Neurology kam 2025 zu dem Schluss, dass mehr als zwei Drittel der Menschen mit Parkinson-Krankheit mit chronischen Schmerzen leben. In einer internationalen Untersuchung mit der speziell für Parkinson entwickelten Schmerzskala (King’s Parkinson’s Disease Pain Scale, KPPS) gaben fast alle Befragten mindestens eine Schmerzform an. Am häufigsten, bei rund 85 Prozent, waren Schmerzen des Bewegungsapparats – also genau jene, um die es in der neuen Studie geht.

Parkinson-Schmerzen haben viele Gesichter:

  • Muskel- und Gelenkschmerzen durch Steifigkeit (Rigor), Bewegungsarmut und veränderte Haltung – typisch ist die schmerzhafte „Frozen Shoulder“, die oft Jahre vor der Diagnose auftritt.
  • Schmerzhafte Verkrampfungen (Dystonien), etwa die eingekrallten Zehen am frühen Morgen, wenn die Medikamente nachlassen.
  • Schmerzen bei Wirkungsschwankungen, die im OFF zunehmen und mit der nächsten Tablette nachlassen.
  • Nervenschmerzen, etwa durch eingeklemmte Nervenwurzeln an der Wirbelsäule oder durch eine Schädigung der Nerven in Füßen und Beinen.
  • Zentrale Schmerzen – schwer beschreibbares Brennen, Ziehen oder inneres Unbehagen, das von der Parkinson-Krankheit selbst im Gehirn ausgelöst wird.

Dazu kommen Schmerzen, die mit Parkinson nichts zu tun haben, etwa durch Arthrose. Seit 2021 gibt es ein internationales Einteilungssystem (Parkinson’s Disease Pain Classification System, PD-PCS), das zuerst klärt, ob der Schmerz mit der Parkinson-Krankheit zusammenhängt, und dann nach dem Entstehungsmechanismus fragt. Das hat praktische Folgen: Ein Schmerz, der im OFF auftritt, wird anders behandelt als eine Arthrose im Knie.

Der erste Schritt

Die Fachleute sind sich einig: Bevor andere Schmerzbehandlungen begonnen werden, sollte geprüft werden, ob die Parkinson-Medikamente optimal eingestellt sind. Viele Schmerzen bei Parkinson sind im Kern Parkinson-Symptome und bessern sich, wenn Steifigkeit, Dystonien und OFF-Phasen besser behandelt werden. Ein Schmerztagebuch, in dem Sie neben dem Schmerz auch die Tabletteneinnahme notieren, hilft Ihrer Neurologin oder Ihrem Neurologen dabei sehr.

Was die übrige Forschung zur Akupunktur sagt

Bei chronischen Schmerzen allgemein

Die solideste Datenbasis liefert eine große Auswertung der internationalen Acupuncture Trialists’ Collaboration aus dem Jahr 2018, an der auch Münchner Forschende beteiligt waren. Sie hat die Rohdaten von fast 21.000 Patientinnen und Patienten aus 39 hochwertigen Studien zusammengeführt – zu Rücken- und Nackenschmerzen, Arthrose, Kopfschmerzen und Schulterschmerzen. Das Ergebnis: Akupunktur war besser als keine Akupunktur und auch besser als Scheinakupunktur. Der Vorsprung gegenüber der Scheinbehandlung war aber klein. Ein großer Teil der Wirkung entsteht also durch das, was jede Behandlung mitbringt: Zuwendung, Ruhe, Erwartung. Positiv: Die Wirkung hielt überwiegend auch nach einem Jahr noch an.

Ähnlich war es bereits in den großen deutschen GERAC-Studien der frühen 2000er-Jahre. Bei chronischen Rückenschmerzen sprachen rund 48 Prozent auf echte Akupunktur an, rund 44 Prozent auf Scheinakupunktur – und nur 27 Prozent auf die übliche Standardbehandlung. Beide Nadelvarianten schnitten also deutlich besser ab als die Routineversorgung, unterschieden sich aber kaum voneinander.

Bei Parkinson

Speziell zu Schmerzen bei Parkinson gibt es bislang nur sehr wenige Studien: eine kleine taiwanische Untersuchung mit neun behandelten Personen ohne Scheinbehandlung und nun die neue Studie aus Hefei. Eine größere, doppelt verblindete Studie mit 66 Teilnehmenden hat 2026 in Guangzhou begonnen und soll 2027 abgeschlossen sein.

Zu anderen Parkinson-Beschwerden ist die Lage aufschlussreich:

  • Erschöpfung (Fatigue): Zwei sorgfältig gemachte Studien aus den USA (94 Teilnehmende) und Singapur (40 Teilnehmende) fanden, dass sich die Erschöpfung unter echter und unter Scheinakupunktur gleich stark besserte. Die Autoren folgerten, dass die Wirkung überwiegend unspezifisch ist.
  • Schlaf und Angst: Zwei Studien aus Guangzhou, veröffentlicht in der angesehenen Zeitschrift JAMA Network Open, fanden Vorteile echter Akupunktur gegenüber Scheinakupunktur bei Schlafqualität (2024) und Angst (2022). Bei der Angst zeigte sich der Unterschied allerdings erst acht Wochen nach Behandlungsende, nicht direkt danach.
  • Zusammenfassende Analysen: Mehrere neuere Meta-Analysen mit Dutzenden Studien melden Vorteile der Akupunktur für viele Parkinson-Symptome. Sie beruhen aber ganz überwiegend auf kleinen chinesischen Studien, und die Autoren selbst stufen die Aussagekraft meist als niedrig bis mäßig ein.

Das Gesamtbild: Akupunktur ist bei Parkinson kein Wundermittel, aber auch kein reiner Unsinn. Sie kann manchen Menschen Linderung verschaffen – ein großer Teil davon geht jedoch vermutlich auf unspezifische Effekte zurück. Für die spezifische Frage, ob Elektroakupunktur Parkinson-Schmerzen gezielt lindert, reicht die Datenlage noch nicht.

Behandlungsmöglichkeiten im Vergleich

Die folgende Übersicht ordnet die Elektroakupunktur zwischen anderen Ansätzen gegen Schmerzen des Bewegungsapparats bei Parkinson ein. Sie ersetzt keine ärztliche Beratung.

Ansatz Wofür vor allem Datenlage bei Parkinson Zu beachten
Optimierung der Parkinson-Medikamente Schmerzen bei Steifigkeit, Dystonie, OFF-Phasen Von Fachleuten als erster Schritt empfohlen Nur in Absprache mit der Neurologin oder dem Neurologen; Schmerztagebuch hilfreich
Physiotherapie und regelmäßige Bewegung Muskel- und Gelenkschmerzen, Haltung, Steifigkeit Gut belegt für Beweglichkeit; für Schmerz plausibel, aber wenig gezielt untersucht Auf Rezept; Wirkung hält nur bei dauerhaftem Üben
Übliche Schmerzmittel Arthrose, Rücken, akute Beschwerden Kaum parkinson-spezifische Studien Nebenwirkungen im Alter beachten (Magen, Niere, Sturzgefahr, Verstopfung)
Akupunktur (klassisch) Chronische Rücken-, Nacken-, Knie- und Schulterschmerzen Wenige kleine Studien; allgemein kleiner Vorsprung vor Scheinakupunktur Kassenleistung nur bei Lendenwirbelsäule und Knie-Arthrose
Elektroakupunktur am Kopf (wie in der neuen Studie) Muskel- und Gelenkschmerzen bei Parkinson Eine kleine, kurze Studie; nur Schmerz besser als Scheinbehandlung Selbstzahlerleistung; mit Hirnschrittmacher vorher mit dem Zentrum klären
Tiefe Hirnstimulation Schmerzen, die an Wirkungsschwankungen gekoppelt sind Besserung von Parkinson-Schmerzen in Studien beschrieben Nur für ausgewählte Betroffene; die Indikation richtet sich nach den motorischen Beschwerden

Akupunktur in Deutschland: Kosten, Qualität, Sicherheit

Wer bezahlt?

Seit 2007 übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen Akupunktur nur bei zwei Diagnosen: bei chronischen Schmerzen der Lendenwirbelsäule und bei chronischen Knieschmerzen durch Arthrose. Die Beschwerden müssen seit mindestens sechs Monaten bestehen. Bezahlt werden bis zu zehn Sitzungen innerhalb von sechs Wochen, in begründeten Fällen bis zu 15 im Jahr. Für alle anderen Beschwerden – auch für Schulter- oder Nackenschmerzen bei Parkinson – ist Akupunktur eine Selbstzahlerleistung. Private Krankenversicherungen und Beihilfe erstatten je nach Tarif. Fragen Sie vor Beginn nach den Kosten pro Sitzung und der geplanten Zahl der Sitzungen.

Wer darf behandeln?

Achten Sie auf eine ärztliche Zusatzbezeichnung „Akupunktur“. Die Akupunktur auf Kassenrezept dürfen nur Ärztinnen und Ärzte mit dieser Qualifikation abrechnen. Eine Elektroakupunktur am Kopf wie in der Studie wird in Deutschland nur selten angeboten.

Wie sicher ist Akupunktur?

Von qualifizierten Behandelnden durchgeführt, gilt Akupunktur als sehr sicher. Häufig sind kleine Blutergüsse, kurzes Nachbluten oder vorübergehende Müdigkeit. Schwere Komplikationen sind selten. Bei Parkinson gibt es aber einige Punkte, die Sie ansprechen sollten.

Wichtig – vor Beginn klären

Tiefe Hirnstimulation: Bei einem Hirnschrittmacher verlaufen Elektroden und Verbindungskabel unter der Kopfhaut und am Hals. Elektroakupunktur – also Strom über Nadeln – und Nadeln im Bereich der Kabel sollten Sie nur nach Rücksprache mit Ihrem Stimulationszentrum zulassen. Gleiches gilt bei Herzschrittmachern und anderen Implantaten.

Blutverdünner: Wer Gerinnungshemmer einnimmt, sollte das vor der Behandlung sagen.

Kreislauf: Viele Menschen mit Parkinson haben einen niedrigen Blutdruck im Stehen. Stehen Sie nach der Sitzung langsam auf.

Medikamente: Akupunktur ersetzt keine Parkinson-Therapie. Setzen Sie keine Medikamente ab, weil Sie eine Akupunktur beginnen.

Fragen für Ihre nächste Sprechstunde

Wenn Schmerzen Ihren Alltag bestimmen, sprechen Sie das aktiv an. Führen Sie vorher eine Woche lang ein kurzes Tagebuch: Wo tut es weh, wie stark (0 bis 10), zu welcher Tageszeit – und wann haben Sie Ihre Tabletten genommen?

  1. Hängen meine Schmerzen mit der Parkinson-Krankheit zusammen – oder haben sie eine andere Ursache, etwa Arthrose oder die Wirbelsäule?
  2. Treten meine Schmerzen vor allem im OFF auf? Könnte eine Anpassung meiner Parkinson-Medikamente helfen?
  3. Kann es sich um eine Dystonie handeln, etwa bei morgendlichen Krämpfen in Fuß oder Zehen?
  4. Würde mir eine gezielte Physiotherapie helfen, und können Sie sie mir verordnen?
  5. Welche Schmerzmittel sind für mich geeignet, wenn ich die Nebenwirkungen und meine anderen Medikamente berücksichtige?
  6. Spricht aus Ihrer Sicht etwas dagegen, dass ich Akupunktur ausprobiere – und worauf muss ich bei meinem Hirnschrittmacher, meinen Blutverdünnern oder meinem Blutdruck achten?
  7. Wäre eine Vorstellung in einer Schmerzambulanz oder einer Parkinson-Fachklinik sinnvoll?

Fazit

Die neue Studie aus China liefert einen Hinweis, keinen Beweis. Fünf Sitzungen Elektroakupunktur am Kopf haben Schmerzen des Bewegungsapparats bei Parkinson etwas stärker gelindert als eine Scheinbehandlung – wie viel stärker, bleibt offen. Die weitergehenden Versprechen für Beweglichkeit, Stimmung und Lebensqualität halten der eigenen Auswertung der Studie nicht stand: Dort unterschieden sich die Gruppen nicht. Die Studie ist klein, kurz und womöglich nicht wirksam verblindet.

Für Ihren Alltag heißt das: Schmerzen bei Parkinson sind häufig, ernst zu nehmen und behandelbar. Der erste Schritt ist ein Gespräch mit Ihrer Neurologin oder Ihrem Neurologen über die Einstellung Ihrer Parkinson-Medikamente, der zweite eine gezielte Physiotherapie und regelmäßige Bewegung. Wer darüber hinaus Akupunktur ausprobieren möchte, kann das bei einer qualifizierten Ärztin oder einem qualifizierten Arzt tun – mit realistischen Erwartungen, im Wissen um die Kosten und nach Absprache, wenn ein Hirnschrittmacher im Spiel ist. Ob gerade die Elektroakupunktur am Kopf einen besonderen Vorteil bringt, werden erst größere und längere Studien zeigen. Die erste davon läuft bereits.

Quellen

  1. Zhu S, Xia A, Zhu B, Wang A, Gu H, Mei S, Chen H, Li J. Klinische Wirksamkeit und Sicherheit der Elektroakupunktur im motorischen Areal bei Parkinson-Krankheit mit muskuloskelettalen Schmerzen: eine randomisierte kontrollierte Studie [Chinesisch]. Zhongguo Zhen Jiu 2026;46(9):1415–1420. doi: 10.13703/j.0255-2930.20250604-k0002. PubMed 42744626 · Originalartikel (Deutsch)
  2. Brennpunkt Parkinson: Wirksamkeit von Elektroakupunktur bei Parkinson-Patienten mit Schmerzen. Zum Eintrag im Archiv
  3. Tinazzi M, Gandolfi M, Artusi CA et al. Advances in diagnosis, classification, and management of pain in Parkinson’s disease. Lancet Neurology 2025;24(4):331–347. PubMed 40120617
  4. Mylius V, Möller JC, Bohlhalter S, Ciampi de Andrade D, Perez Lloret S. Diagnosis and Management of Pain in Parkinson’s Disease: A New Approach. Drugs & Aging 2021;38(7):559–577. PubMed 34224103
  5. Mylius V, Perez Lloret S, Cury RG et al. The Parkinson disease pain classification system: results from an international mechanism-based classification approach. Pain 2021;162(4):1201–1210. PubMed 33044395
  6. Martinez-Martin P, Rizos AM, Wetmore JB et al. Distribution and impact on quality of life of the pain modalities assessed by the King’s Parkinson’s disease pain scale. npj Parkinson’s Disease 2017;3:8. nature.com
  7. Vickers AJ, Vertosick EA, Lewith G et al.; Acupuncture Trialists’ Collaboration. Acupuncture for Chronic Pain: Update of an Individual Patient Data Meta-Analysis. Journal of Pain 2018;19(5):455–474. PubMed 29198932
  8. Haake M, Müller HH, Schade-Brittinger C et al. German Acupuncture Trials (GERAC) for chronic low back pain. Archives of Internal Medicine 2007;167(17):1892–1898. PubMed 17893311
  9. Vickers A, Goyal N, Harland R, Rees R. Do certain countries produce only positive results? A systematic review of controlled trials. Controlled Clinical Trials 1998;19(2):159–166. PubMed 9551280
  10. Kluger BM, Rakowski D, Christian M et al. Randomized, Controlled Trial of Acupuncture for Fatigue in Parkinson’s Disease. Movement Disorders 2016;31(7):1027–1032. PubMed 27028133
  11. Kong KH, Ng HL, Li W et al. Acupuncture in the treatment of fatigue in Parkinson’s disease: A pilot, randomized, controlled study. Brain and Behavior 2018;8(1):e00897. PubMed 29568693
  12. Yan M, Fan J, Liu X et al. Acupuncture and Sleep Quality Among Patients With Parkinson Disease: A Randomized Clinical Trial. JAMA Network Open 2024;7(6):e2417862. PubMed 38922617
  13. Fan JQ, Lu WJ, Tan WQ et al. Effectiveness of Acupuncture for Anxiety Among Patients With Parkinson Disease: A Randomized Clinical Trial. JAMA Network Open 2022;5(9):e2232133. PubMed 36129711
  14. Yu SW, Lin SH, Tsai CC et al. Acupuncture Effect and Mechanism for Treating Pain in Patients With Parkinson’s Disease. Frontiers in Neurology 2019;10:1114. PubMed 31695670
  15. Wu Y, Zhang F, Xiao L et al. Efficacy of Acupuncture for Pain in Parkinson’s Disease: Study Protocol for a Randomized Controlled Trial. Journal of Pain Research 2026;19:622950. PubMed 42404684
  16. Mao X, Huang W, Zhang S et al. Comparative efficacy of acupuncture-related therapies for Parkinson’s disease: A systematic review and network meta-analysis. Behavioural Brain Research 2026;496:115848. PubMed 41015123
  17. Deutsche Gesellschaft für Neurologie. S2k-Leitlinie Parkinson-Krankheit, 2023. AWMF-Register 030-010

Wenn die Blase drängt: Harnprobleme bei der Parkinson-Krankheit

Nachts viermal aufstehen, plötzlicher Harndrang, der keinen Aufschub duldet, und die ständige Suche nach der nächsten Toilette – Blasenbeschwerden gehören zu den belastendsten Begleitern der Parkinson-Krankheit und werden im Sprechzimmer am seltensten angesprochen. Ein internationales Expertengremium hat jetzt erstmals einen strukturierten Handlungsleitfaden vorgelegt. Die vielleicht wichtigste Botschaft darin: Die erste Wahl ist kein Medikament.

Rubrik: Brennpunkt Parkinson  ·  Lesezeit: ca. 13 Minuten  ·  Erschienen am 18. September 2026

Über Zittern wird gesprochen, über Steifigkeit, über das Einfrieren beim Gehen. Über die Blase spricht kaum jemand. Dabei berichten je nach Untersuchung zwischen einem Drittel und drei Vierteln aller Menschen mit Parkinson-Krankheit über Beschwerden beim Wasserlassen – und viele von ihnen sagen, dass diese Symptome den Alltag stärker einschränken als der Tremor. Wer nachts fünfmal zur Toilette muss, schläft nicht. Wer nicht schläft, hat am nächsten Tag mehr Off-Phasen, mehr Unsicherheit beim Gehen, mehr Sturzrisiko. Und wer sich nicht mehr traut, das Haus zu verlassen, weil er nicht weiß, wo die nächste Toilette ist, verliert genau die Bewegung und die sozialen Kontakte, die bei dieser Erkrankung am meisten helfen.

Im September 2026 ist in der Fachzeitschrift Parkinsonism & Related Disorders eine Arbeit erschienen, die diese Lücke schließen soll: Konsensempfehlungen eines interdisziplinären Expertengremiums zur Abklärung und Behandlung von Blasenfunktionsstörungen bei der Parkinson-Krankheit. Wir haben uns angesehen, was darin steht – und was es für den Alltag bedeutet.

Warum die Blase bei Parkinson aus dem Takt gerät

Das Wasserlassen ist einer der am feinsten regulierten Vorgänge des Körpers. Die Blase muss über Stunden entspannt Urin sammeln und dann, auf ein bewusstes Signal hin, koordiniert entleeren – der Blasenmuskel zieht sich zusammen, während der Schließmuskel sich gleichzeitig öffnet. Gesteuert wird das von einem Netzwerk aus Hirnstamm, Großhirnrinde und Basalganglien. Die Basalganglien, also genau jene Region, die bei der Parkinson-Krankheit vom Dopaminmangel betroffen ist, wirken dabei als Bremse: Sie unterdrücken den Entleerungsreflex, solange es nicht passt.

Fällt diese Bremse teilweise aus, meldet sich die Blase schon bei geringer Füllmenge – und zwar nicht als leises Hinweissignal, sondern als gebieterischer Drang. Fachlich heißt das Detrusorüberaktivität, im Alltag nennt man es überaktive Blase. Typisch sind drei Beschwerden: häufiger Harndrang tagsüber, plötzlicher, kaum aufschiebbarer Drang, und Nykturie – nächtliches Wasserlassen, das häufigste und zugleich folgenreichste Symptom, weil es den Schlaf zerlegt.

Seltener, aber nicht ungewöhnlich, kommt das gegenteilige Problem vor: Die Blase entleert sich nicht vollständig. Das kann an einer schwachen Blasenmuskulatur liegen, an einer Koordinationsstörung zwischen Blase und Schließmuskel oder – bei Männern häufig – schlicht an einer vergrößerten Prostata, die mit der Parkinson-Krankheit nichts zu tun hat. Restharn ist tückisch, weil er kaum Beschwerden macht, aber Harnwegsinfekte begünstigt. Und ein Harnwegsinfekt kann bei Parkinson-Betroffenen die motorischen Symptome innerhalb von Stunden dramatisch verschlechtern oder einen Verwirrtheitszustand auslösen.

Wichtig zu wissen: Nicht jedes Blasenproblem bei einem Menschen mit Parkinson-Krankheit ist ein Parkinson-Symptom. Prostatavergrößerung, Beckenbodenschwäche nach Geburten, Diabetes, entwässernde Medikamente, Herzschwäche und schlicht die Trinkmenge am Abend spielen mit hinein. Genau deshalb steht am Anfang der neuen Empfehlungen die Abklärung, nicht die Behandlung.

Die neuen Konsensempfehlungen: vier Schritte statt Rezeptblock

Das Gremium hinter der Arbeit war bewusst breit besetzt: Neurologinnen und Neurologen mit Schwerpunkt Bewegungsstörungen, Urologen, Urogynäkologen und ein Altersmediziner mit Erfahrung in Blasenfunktionsstörungen. Die Empfehlungen entstanden in einem sogenannten Delphi-Verfahren – die Fachleute formulierten Aussagen, diskutierten, überarbeiteten und stimmten so lange ab, bis ein Konsens erreicht war. Das ist nicht dasselbe wie eine Leitlinie auf Basis großer randomisierter Studien; es ist strukturierte Expertenmeinung dort, wo belastbare Studien fehlen. Das sollte man beim Lesen im Hinterkopf behalten – die Autoren selbst benennen diesen Punkt.

Die Empfehlungen decken vier Bereiche ab. Erstens die Erfassung: Blasenbeschwerden sollen aktiv abgefragt werden, in jedem Krankheitsstadium, weil Betroffene sie von sich aus oft nicht ansprechen. Zweitens die parkinsonspezifischen Faktoren: Beweglichkeit und Wirkungsschwankungen gehören zur Blasenfrage dazu, denn wer in der Off-Phase 90 Sekunden braucht, um aufzustehen, hat kein reines Blasenproblem, sondern ein Wegeproblem. Drittens die Abklärung: Urinuntersuchung zum Ausschluss eines Infekts, Bestimmung des Restharns per Ultraschall, ein Miktionsprotokoll über einige Tage, Durchsicht der Medikamentenliste. Viertens Behandlung und Rehabilitation, mit einem klaren Stufenplan – und einer klaren Rangfolge.

Die Überraschung: Beckenbodentraining schlägt sich so gut wie die Tablette

Die interessanteste Entwicklung der letzten Jahre steht nicht in den Empfehlungen selbst, sondern in der Studie, auf die sie sich stützen. Im September 2025 erschien in JAMA Neurology eine randomisierte Nichtunterlegenheitsstudie, die genau die Frage stellte, die Betroffene interessiert: Hilft ein Training ebenso gut wie ein Medikament?

77 Menschen mit Parkinson-Krankheit und ausgeprägten Beschwerden einer überaktiven Blase wurden an vier US-amerikanischen Kliniken über zwölf Wochen entweder mit Verhaltenstherapie oder mit dem Blasenmedikament Solifenacin behandelt. Die Verhaltenstherapie bestand aus Beckenbodentraining und erlernten Strategien zur Drangunterdrückung, angeleitet von einer spezialisierten Pflegekraft. Das Ergebnis: Beide Gruppen verbesserten sich deutlich und praktisch gleich stark – der Symptomwert sank von durchschnittlich 8,5 auf 5,5 Punkte in der Trainingsgruppe und von 9,1 auf 5,8 in der Medikamentengruppe. Die Nichtunterlegenheit war damit belegt. Der Unterschied lag woanders: Mundtrockenheit und Stürze traten in der Medikamentengruppe häufiger auf; vier Teilnehmer brachen dort die Behandlung ab, in der Trainingsgruppe keiner.

Das ist ein bemerkenswertes Ergebnis, und es ist mit den üblichen Einschränkungen zu lesen: 77 Teilnehmer sind keine große Zahl, 84 Prozent davon waren Männer, alle wurden in Einrichtungen der US-Veteranenverwaltung behandelt, und wer eine deutliche kognitive Einschränkung hatte, konnte nicht teilnehmen. Für Menschen mit fortgeschrittener Demenz lässt sich daraus also nichts ableiten. Und Training ist kein Selbstläufer: Es braucht eine fachkundige Anleitung, Übung über Wochen und die Bereitschaft, dranzubleiben.

Was „Drangunterdrückung“ praktisch heißt: Nicht sofort losstürzen, wenn der Drang kommt. Stehenbleiben oder hinsetzen, den Beckenboden mehrfach kurz und kräftig anspannen, ruhig atmen, bis die Drangwelle abebbt – sie tut es in der Regel nach wenigen Momenten – und erst dann in normalem Tempo zur Toilette gehen. Das Losrennen ist bei Parkinson doppelt ungünstig: Es erhöht den Druck auf die Blase und es ist die Situation, in der die meisten Stürze passieren.

Medikamente: Welche, und warum die Wahl eine Rolle spielt

Wenn Training allein nicht reicht, kommen Medikamente ins Spiel. Hier lohnt ein genauer Blick, denn die beiden gängigen Wirkstoffgruppen unterscheiden sich für Parkinson-Betroffene deutlich.

Die ältere Gruppe sind die Anticholinergika beziehungsweise Antimuskarinika – Wirkstoffe wie Oxybutynin, Tolterodin, Solifenacin oder Trospiumchlorid. Sie dämpfen die Blasenmuskulatur wirksam, blockieren aber denselben Botenstoff, den das Gehirn für Gedächtnis und Aufmerksamkeit braucht. Bei Menschen mit Parkinson-Krankheit, deren cholinerges System ohnehin geschwächt ist, kann das Verwirrtheit, Gedächtnisprobleme oder ein Delir begünstigen. Eine große US-amerikanische Auswertung von 27.091 Versicherten über 65 Jahren mit Parkinson-Krankheit verglich beide Gruppen: Wer neu ein Anticholinergikum begann, hatte in den folgenden 90 Tagen ein um 23 Prozent erhöhtes Risiko für eine Notaufnahme oder ungeplante Krankenhausaufnahme gegenüber jenen, die ein Beta-3-Präparat erhielten. Für anticholinerg bedingte Nebenwirkungen im Besonderen lag das Risiko um 18 Prozent höher.

Die neuere Gruppe sind die Beta-3-Agonisten, in Deutschland vor allem Mirabegron. Sie wirken über einen anderen Mechanismus – sie fördern die Entspannung der Blase in der Füllphase – und passieren die Blut-Hirn-Schranke kaum. Zu beachten ist der Blutdruck, der unter Mirabegron steigen kann; das ist bei Parkinson-Betroffenen, die häufig eher mit Blutdruckabfällen beim Aufstehen zu kämpfen haben, im Einzelfall sogar günstig, muss aber kontrolliert werden. Und auch hier gilt: Eine Kohortenstudie aus Abrechnungsdaten zeigt Zusammenhänge, keine Ursachen; die Gruppen unterscheiden sich trotz statistischer Angleichung möglicherweise in Dingen, die niemand erfasst hat.

Ansatz Wie es wirkt Worauf zu achten ist
Verhaltenstherapie, Beckenbodentraining Stärkt den Verschluss, trainiert die Drangunterdrückung Braucht Anleitung und Übung; in der Studie gleichwertig zur Tablette, ohne deren Nebenwirkungen
Beta-3-Agonist (Mirabegron) Entspannt die Blase in der Füllphase Kaum Wirkung auf das Gehirn; Blutdruck kontrollieren
Anticholinergika (z. B. Oxybutynin, Solifenacin, Trospium) Dämpft den überaktiven Blasenmuskel Kann Denkleistung und Wachheit beeinträchtigen; Mundtrockenheit, Verstopfung, Restharn. Trospium gilt als am wenigsten hirngängig
Botulinumtoxin in die Blasenwand Legt den überaktiven Muskel gezielt ruhig Wirkt Monate; Risiko, dass die Entleerung zu schwach wird und zeitweise katheterisiert werden muss
Maßnahmen gegen nächtliches Wasserlassen Trinkverhalten, Beine hochlagern, Zeitpunkt entwässernder Medikamente Oft wirksamer als jede Tablette; Desmopressin nur unter Natriumkontrolle und bei Älteren mit Zurückhaltung

Ein Punkt, der in der Praxis gern untergeht: Auch die Parkinson-Medikation selbst wirkt auf die Blase. Levodopa kann die Blasenfunktion in der On-Phase verbessern – wer also vor allem in Off-Phasen Probleme hat, braucht möglicherweise keine Blasentablette, sondern eine bessere Einstellung der Parkinson-Therapie. Umgekehrt zählen Amantadin und die zur Tremorbehandlung eingesetzten anticholinergen Parkinson-Medikamente wie Biperiden zur selben problematischen Wirkstoffgruppe wie die älteren Blasenmittel. Die Summe aller anticholinergen Wirkungen im Medikamentenplan – Fachleute sprechen von der anticholinergen Last – ist oft entscheidender als jedes Einzelpräparat.

Wann Blasenprobleme ein Warnzeichen sind: Treten schwere Blasenstörungen sehr früh im Krankheitsverlauf auf, noch bevor die Beweglichkeit deutlich eingeschränkt ist, oder gehen sie mit erheblichem Restharn und ausgeprägten Blutdruckabfällen beim Aufstehen einher, gilt das als Hinweis auf eine Multisystematrophie – eine seltenere Erkrankung, die der Parkinson-Krankheit anfangs ähnelt, aber anders verläuft. Das ist kein Grund zur Panik und in den allermeisten Fällen trifft es nicht zu, aber es ist ein Grund, die Konstellation der behandelnden Neurologin zu schildern.

Was Sie selbst tun können

Vieles, was hilft, steht in keinem Rezept. Ein Miktionsprotokoll über drei Tage – wann und wie viel getrunken, wann zur Toilette, wann Drang oder unfreiwilliger Urinverlust – ist das wirksamste Werkzeug, das Sie in die Sprechstunde mitbringen können. Es zeigt Muster, die im Gespräch untergehen: dass der Drang vor allem abends auftritt, dass die Trinkmenge sich auf den späten Nachmittag konzentriert, dass die entwässernde Tablette um 17 Uhr eingenommen wird.

Weiter gehört dazu: die Trinkmenge nicht reduzieren, sondern verlagern – zu wenig Trinken konzentriert den Urin und reizt die Blase zusätzlich, außerdem verschlechtert es die Wirkung mancher Parkinson-Medikamente. Koffein und Alkohol am Abend meiden, beide wirken harntreibend und blasenreizend. Wer abends geschwollene Beine hat, lagert sie am späten Nachmittag für eine Stunde hoch, damit die eingelagerte Flüssigkeit nicht nachts ausgeschieden wird. Und der Weg zur Toilette sollte nachts frei, beleuchtet und kurz sein – ein Nachtlicht und ein aufgeräumter Flur verhindern mehr Stürze als jedes Medikament.

Für das Gespräch mit der behandelnden Ärztin oder dem Arzt:

  • Wurde bei mir schon einmal der Restharn per Ultraschall bestimmt – und wie hoch war er?
  • Enthält mein Medikamentenplan Wirkstoffe mit anticholinerger Wirkung, die sich addieren?
  • Treten meine Beschwerden eher in Off-Phasen auf? Könnte eine Anpassung der Parkinson-Therapie helfen, bevor ein zusätzliches Medikament dazukommt?
  • Gibt es in meiner Nähe eine Physiotherapie oder Kontinenzberatung mit Erfahrung im Beckenbodentraining bei neurologischen Erkrankungen?
  • Wenn ein Medikament nötig ist: Spricht in meinem Fall etwas gegen ein Präparat, das die Denkleistung nicht beeinträchtigt?

Fazit

Blasenbeschwerden sind bei der Parkinson-Krankheit häufig, sie sind behandelbar, und sie sind es wert, angesprochen zu werden – auch wenn das Überwindung kostet. Die neuen Konsensempfehlungen bringen vor allem Ordnung in ein Feld, in dem bisher jeder anders vorging: erst abklären, dann parkinsonspezifische Ursachen prüfen, dann nicht-medikamentös beginnen, und erst danach zum Medikament greifen – und dann zu einem, das dem Gehirn nicht schadet. Dass ein zwölfwöchiges Beckenbodentraining in einer kontrollierten Studie mit einer Tablette mithalten konnte, bei weniger Nebenwirkungen und weniger Stürzen, ist die vielleicht ermutigendste Nachricht dieses Jahres für alle, die mit diesem Thema leben. Es ist zugleich eine, die Arbeit macht – Training ist anstrengender als Schlucken. Aber es ist Arbeit, die sich nach allem, was wir wissen, lohnt.

Quellenverzeichnis

  1. Safarpour D, Vaughan CP, McKee KE et al. Consensus expert recommendations for management of urinary dysfunction in Parkinson disease. Parkinsonism & Related Disorders, 7. September 2026. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/42716874/
  2. Behavioral Compared With Drug Therapy for Overactive Bladder Symptoms in Parkinson Disease: A Randomized Noninferiority Trial. JAMA Neurology, 1. September 2025. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/40658410/
  3. Comparative safety of antimuscarinics versus mirabegron for overactive bladder in Parkinson disease. Parkinsonism & Related Disorders, Oktober 2023. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/37713748/
  4. Exploratory evaluation of baseline cognition as a predictor of perceived benefit in a study of behavioral therapy for urinary incontinence in Parkinson disease. Neurourology and Urodynamics, März 2022. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/35181928/
  5. Deutsche Gesellschaft für Neurologie: S2k-Leitlinie Parkinson-Krankheit. https://www.dgn.org/leitlinie/parkinson-krankheit
  6. Deutsche Gesellschaft für Neurologie: Überaktive Blase bei der Parkinson-Krankheit – Verhaltenstherapie nicht schlechter als Medikamente. dgn.org
  7. Funktionsstörungen des unteren Harntrakts bei der Parkinson-Krankheit. Die Urologie 2024. link.springer.com

Neues aus Stammzellenforschung – Teil 2

Im Frühjahr 2025 wurden bahnbrechende Studien zur Stammzelltherapie bei Parkinson veröffentlicht: Implantierte Dopaminzellen aus Stammzellen zeigten erstmals nachhaltige Wirkung – ohne schwere Nebenwirkungen. Sowohl embryonale Stammzellen als auch patienteneigene iPS-Zellen wurden erfolgreich eingesetzt. Dieser Beitrag erklärt, was die Ergebnisse bedeuten, welche Studien jetzt folgen – und warum viele Expert:innen von einem Wendepunkt sprechen.

Adaptive DBS bzw. THS

Adaptive DBS von Medtronic „hört“ ins Gehirn und passt die Stimulation live an. Zulassungsdaten und erste Praxisberichte zeigen mehr gute On-Zeit bei geringerem Energieeinsatz – vielversprechend, aber mit offenen Fragen zu Langzeitwirkung und Alltagstauglichkeit.

Liuwei Dihuang (LWDH) – Hoffnung aus der Kräutermedizin bei Parkinson?

Liuwei Dihuang – Wie ein traditionelles Kräuterrezept bei Parkinson helfen kann. Studien zeigen neuroprotektive Effekte und Besserung der Symptome.

Kickboxen gegen Parkinson

Kickboxen bei Parkinson: Training für Balance, Koordination & Lebensqualität. Studien zeigen deutliche körperliche und mentale Vorteile

Rosmarin und seine potentiell heilende Kraft

Die Parkinson-Forschung steht vor einem bemerkenswerten Wendepunkt: Das Medikament Tanganil, dessen Hauptbestandteil Acetyl-DL-Leucin (ADLL) seit Jahrzehnten in Frankreich gegen Schwindel eingesetzt wird, zeigt vielversprechende Ansätze, die degenerative Krankheit Parkinson zu verlangsamen oder sogar zu stoppen. Doch trotz der beeindruckenden Ergebnisse der bisher informellen Tests, steht das Projekt vor einer Sackgasse – verursacht durch mangelnde Finanzierung und widersprüchliche Interessen.

Neues Kursangebot Feldenkrais

Die Feldenkrais-Methode, entwickelt von Moshe Feldenkrais, ist ein körperorientiertes Lernsystem, das darauf abzielt, das Körperbewusstsein und die Bewegungsfähigkeit zu verbessern. Diese Methode untersucht die Beziehung zwischen Bewegung, Denken und Gefühl, um neue, effizientere Bewegungsmuster zu erlernen und bestehende zu verbessern. Diese Methode ist nicht nur allgemein nützlich, sondern hat sich auch als besonders vorteilhaft für Menschen mit Handicap erwiesen.

Fortschritte beim Einsatz von fokussiertem Ultraschall zur Behandlung von Parkinson

Die temporale Interferenzstimulation (TIS) ist eine bahnbrechende, nicht-invasive Methode zur Hirnstimulation, die tiefere Gehirnregionen erreichen kann, ohne das umliegende Gewebe zu beeinträchtigen. Diese Technik, die erstmals von Grossman und Kollegen entwickelt wurde, nutzt zwei hochfrequente elektrische Signale, die im Kilohertz-Bereich liegen und sich im Zielbereich überlagern, um dort eine niederfrequente Interferenz zu erzeugen. Diese niederfrequente Interferenz kann dann spezifische Gehirnregionen stimulieren​​​​.