Rückenschmerzen im Alltag: Thema Job

   

 Luise Walther setzt sich intensiv  mit dem Themenkreis funktionelle Neurologie und neuronales Bewegungstraining auseinander. 

Rückenschmerzen und Job

Welchen Zusammenhang gibt es hier und wie kannst du für dich direkt etwas verändern?

Was wir über Schmerzen wissen

Schmerzen sind multidimensional. Das bedeutet, dass unterschiedliche Faktoren eine Rolle spielen bei der Entstehung von Schmerzen.
Warum haben wir eigentlich Schmerzen?
Sie sind ein Warnsignal unseres Körpers. Oder viel mehr ein Aktionssignal unseres Körpers. Er teilt uns dadurch mit, dass unser Bedrohungslevel überschritten wurde und fordert uns auf, etwas zu verändern.
Das kann zum Beispiel ein Positionswechsel sein, wenn wir länger in einer Position verharrt sind. Das kann das Wegziehen der Hand von einem heißen Gegenstand sein.
Der Grund dafür ist, dass das individuelle Bedrohungslevel überschritten wurde. Wenn das Gehirn zu viele bedrohliche Informationen erhält, löst dies eine Schmerzreaktion aus. Dafür werden Informationen aus unterschiedlichen Bereichen ausgewertet, aus unserer Umgebung, aus dem Körperinneren, aus unseren Körperteilen und werden verbunden mit unseren Erfahrungen, Erlebnissen, Emotionen, Ängsten und Erwartungen. Das Gehirn interpretiert all diese Daten individuell und entscheidet, ob eine Bedrohung vorliegt oder nicht. Erst wenn das geschieht, wird eine Schmerzantwort vom Gehirn gesendet.
Halten Schmerzen dauerhaft an, sind oft generelle Verhaltensänderungen notwendig. Das kann zum Beispiel folgendes sein:

  • Viel Bewegung
  • Ausgewogene Ernährung
  • Gutes Stressmanagement
  • Unterstützendes Umfeld
  • Zufriedenstellender Job

Und genau der letzte Punkt kann für viele ein Game-Changer sein. Wann hast du dich das letzte Mal gefragt, ob der Job, den du gerade machst, dich glücklich oder unglücklich macht?
Viel zu oft höre ich von meinen Kund:innen, „Wenn ich könnte, würde ich etwas anderes machen.“ Oder sogar „ich hasse meinen Job“.
Meiner Meinung nach haben wir unseren Job nicht nur, um Geld zu verdienen. Im Durchschnitt verbringen wir 41 Stunden pro Woche mit unserer Arbeit. Der Inhalt, die Kolleg:innen, die Stimmung, die Herausforderungen, die Umgebung – all das wirkt sich auf unser Wohlbefinden aus.
Unzufriedenheit im Job, schlechte Stimmung unter den Kolleg:innen oder auch fachliche Über- oder Unterforderung bauen Stress auf. Dieser Stress kann Schmerzen auslösen oder sie verstärken. Das bedeutet nicht, dass sie die Ursache für Schmerzen sind. Aber sie können der Auslöser sein.
Ich habe einige Kund:innen in den letzten Jahren erlebt, die meinten, am Wochenende oder im Urlaub nehmen sie kaum oder keine Schmerzen wahr. Kaum geht es aber zeitlich wieder in Richtung Arbeit, treten die Schmerzen wieder auf oder werden intensiver.
Allein die Vorstellung an die Unzufriedenheit, kann das Nervensystem so sehr stressen, dass die Bedrohungslage steigt und damit eine Schmerzantwort gesendet wird. Denn die Erwartungen, Erfahrungen, Emotionen, Ängste und Erinnerungen werden dabei eben mitberücksichtigt.

Problem als Lösung betrachten

Meiner Meinung nach ist der Job immer ein Teil des Problems. Und damit auch ein Teil der Lösung.
Es geht mir dabei nicht darum, dass der Job gekündigt werden soll. Es wäre naiv zu glauben, dass das für jede:n die Lösung, geschweige denn möglich ist. Jedoch habe ich die Erfahrung gemacht, dass jede:r an seiner beruflichen Situation einen gewissen Gestaltungsrahmen hat. Was ich damit meine?

  1. Sich bewusstwerden, was das Problem ist.
  2. Überlegen, wie man das proaktiv ändern kann.
  3. Machen.

Was dabei essenziell ist meiner Meinung nach? Sich Support holen. Falls du unzufrieden bist, aber nicht weißt, warum genau, wirst du dich noch eine ganze Weile im Kreis drehen und Zeit und Energie verschwenden damit, eine Lösung für ein dir unbekanntes Problem zu finden. Sprich mit jemandem, dem du vertraust, hol dir Feedback von Vertrauten, Beratenden, Coaches, Therapie, Karriereberatung – was auch immer sich für dich gut anfühlt. Denn du bist die einzige Person, die deine aktuelle Situation verändern kann. Brauchst du dafür Unterstützung? Dann hol sie dir.
Dann kannst du Schritt für Schritt überlegen, was du verändern kannst. Und das Ganze darf in deiner Geschwindigkeit geschehen. Eine Kundin meinte beispielsweise letzte Woche, bis ihr Kind in der Kita ist, muss sie noch durchhalten. Damit ist eine klare Deadline gesetzt und das gibt dem Nervensystem Informationen und Klarheit, Vorhersagbarkeit. Ein anderer Kunde hat das Gespräch mit seinen Vorgesetzten gesucht und erlebt, was möglich ist, wenn man seine Erwartungen offen kommuniziert: neue Position, klarere Verantwortlichkeiten, mehr Zufriedenheit. Ich war damals radikaler und habe einfach gekündigt, ohne zu wissen, wie es weitergeht. Es fühlte sich befreiend und so motivierend an – in meinem Fall eine der besten Entscheidungen meines Lebens.

Was hat das mit Neurozentriertem Training zu tun?

Du fragst dich, was das mit Neurozentriertem Training zu tun hat? Das werde ich immer wieder gefragt, weil viele die Vorstellung haben, dass man nur Augen und Balance trainiert und dann alles super wird. Gott sei Dank – oder für manche leider Gottes – ist der menschliche Körper aber etwas komplexer.
Ein Großteil der Arbeit mit meinen Klient:innen ist die Reduzierung der Bedrohungslage. Und dazu gehört eben genau der multidimensionale Ansatz. Da im Körper alles miteinander verbunden ist, muss ich auch im Training alles miteinander verbinden. Daher gehören Gespräche über den Job beim Thema Schmerz für mich genauso zum Neurozentrierten Training wie Augen- oder Hüftkreise.

Tool für einen Perspektivwechsel

Ein einfaches, wenn auch ungewöhnliches Tool, was ich dabei immer wieder gerne benutze:
Die verrückte Acht
Es ist eine Übung, die ich im Training variabel anpassen kann, meistens nutze ich sie für die Modulation von Schmerzen. Man kann es aber auch auf den Job oder andere Herausforderungen anwenden. Alles, was du dafür brauchst, ist ein Blatt Papier und ein Stift. Falte das Blatt dreimal nacheinander in der Mitte, sodass du, wenn du es wieder aufklappst, acht gleich große Felder hast. Und ab jetzt brauchst du 8 Minuten Zeit.

  • Nimm dir pro Feld 1 Minute Zeit.
  • Zeichne in jedes Feld, was du tun kannst, um an deiner aktuellen Job-Position zu arbeiten. Idealerweise fallen dir kreative und vielleicht sogar utopische Dinge ein.
  • Es ist okay, wenn es anfangs ungewohnt und schwierig ist.
  • Belohne dich dafür, dass du dir die Zeit genommen hast.
  • Überlege dir, welche der acht Optionen es wert sind, ausprobiert zu werden.

Ursprünglich kommt diese Übung aus Business-Workshops und wird dafür verwendet, um kreative Lösungen für bestehende Herausforderungen zu finden. Ich nutze ihn, um mit Betroffenen acht neue Perspektiven auf aktuelle Herausforderungen zu finden. Denn bei dieser Übung nimmst du acht unterschiedliche Perspektiven ein, die dir in deiner aktuellen Situation helfen.
Die Übung heißt „Verrückte 8“, weil man möglichst verrückte Ideen zeichnen soll. Durch das Zeichnen wird der kreative Teil deines Gehirns in die Problemlösung eingebunden. Meistens wird dieser jedoch ausgelassen und eher der Frontallappen mit seinen kognitiven Funktionen, mit Logik und Vernunft, eingebunden. Es kann sich extrem lohnen, sich auf diese Übung einzulassen, auch wenn man wie ich künstlerisch weniger begabt ist. Das Zeichnen stößt im wahrsten Sinne des Wortes im Gehirn einen neuen Prozess an. Probiere es aus!

 

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