Parkinson und die Liebe
Ein Beitrag von unserer Autorin „Dini“
aus der Rubrik „Lebenswege“

   

Parkinson und die Liebe

Unsere Autorin „Dini“ hat sich diesem für uns Betroffene eher von Kummer als von Glück begleiteten Thema, auf ihre ganz persönliche Weise genähert. Sie lässt uns an Ihrer Erfahrung teilhaben und gibt all denjenigen Hoffnung, die sie schon aufgegeben haben.

Jürgen Zender, 29.11.2023

Wer nimmt mich schon, wer möchte eine Frau an seiner Seite, die eine Krankheit hat, die ihr immer mehr an Lebensqualität nehmen wird?
Wer möchte sein Leben, seine Freiheit Stück für Stück aufgeben, für jemanden den man gerade erst getroffen hat?
Wer ist bereit zu helfen? Wer ist bereit dazu, eine Reise auf sich zu nehmen, die einen ungewissen Weg mit sich bringt?
Wer möchte ein Leben führen, mit jemanden wie mir?

All die Fragen waren da, die Gedanken, die um mich kreisten, als ich am Bahnhof im Stuttgart stand. Und auf den Zug in mein neues Leben wartete.

Ich habe mir in den letzten Wochen soviel Gedanken gemacht, habe meine Reha genutzt, und mein Ziel war so klar wie noch nie. Es wird Zeit, Zeit für ein neues Leben, Zeit für mich und meine Tochter, zu gehen.

Ich war mir darüber bewusst, das die Entscheidung meine Ehe nach 16 Jahren zu beenden, die richtige ist. Ich war mir bewusst, das ich wahrscheinlich für immer alleine sein werde, nur meine Tochter an meiner Seite, die natürlich irgendwann vor mir stehen und ihren Weg in ihr selbständiges Leben gehen wird.

All das war mir bewusst, und trotzdem war ich so glücklich wie noch nie, denn all das fühlte sich gut und richtig an. Ein Leben mit einem Alkoholiker ist kein Leben. Weder für mich, noch für mein Kind. Der Vater meiner Tochter lebt heute in einer Pflegeeinrichtung, er ist trocken, doch die Einsicht ist zu spät gekommen, er wird auf Grund der Folgen des Alkohol-Konsums nie wieder selbstständig leben können.

Aber er lebt dafür sollte man dankbar sein.

Und Ich? Was ist mit mir, warum haben die Männer so eine Angst vor meiner Krankheit? Ich saß bei einem Freund, er schaute mich an und sagte „ hör auf zu suchen, du wirst nie etwas finden, solange du nicht aufhörst zu suchen. Für jeden von uns gibt es den richtigen, jeder von uns ist so sehr mit dem Suchen beschäftigt, dass er dem Richtigen zwar immer wieder begegnen , aber nie wahrnehmen wird. Solange du suchst, wirst du immer die falschen treffen, also hör einfach auf damit, der richtige kommt von alleine.

Ich weiß nicht warum, aber genau dieser Satz war so essenziell für mich, den genauso war es, ich muss aufhören zu suchen. Ich muss leben. Ich muss lernen zu leben.

Ich war gerade 21 Jahre, als ich geheiratet habe, und schon damals war es eigentlich nur eine Flucht. Heute ist mir das klar, heute weiß ich, dass es nie Liebe war, es war eine Flucht, für die ich all die Jahre einen hohen Preis bezahlt habe. Aber ohne diese Flucht hätte ich heute nicht das wichtigste an meiner Seite, meine Tochter.

Vor 2 Jahren habe ich erfahren, was Liebe ist.

Nicht das wir uns falsch verstehen, die größte Liebe ist meine Tochter, sie ist in mir gewachsen, sie ist das unglaublichste Geschenk, was ich erhalten habe. Ich würde alles für sie geben, wirklich alles.

ich habe insgesamt drei mal hilflos da gestanden, verzweifelt und so gebettelt , lieber Gott bitte nehme sie mir nicht weg. Ich habe drei Mal die schlimmsten Momente meines Lebens ertragen und innerlich so geschrien, bitte nicht, bitte nicht, lass sie mir bitte, und er hat sie mir gelassen. Ja, die Liebe eines Kindes die Liebe einer Mutter, eines Vaters wird niemals über etwas stehen können. Nie!!!!

Es gibt aber auch eine andere Art von Liebe, etwas was ich bis dato nie hatte. Was auch daran gelegen hat, das ich meine Mauer nach jeder Enttäuschung in meinem Leben immer stärker aufgebaut habe, bis es soweit war, dass ich niemanden an mich heran gelassen hatte.

Bis vor zwei Jahren. Da war er, der Moment, wir haben gechattet und ich fragte Disco oder Restaurant, er sagte, wir können gerne vor dem Feiern was essen gehen. Keine 30 Minuten später fragte ich „planen oder spontan“. Er sage „spontan“.

Und dann war es soweit, 40 Minuten später standen wir uns gegenüber und ich weiß nicht was und warum es so war, aber ich wusste, etwas war anders. Er war anders, wir waren anders.

Wie kann das sein, wie kann man sich sofort verlieben? Aber genau so war es, oh mein Gott ich bin verliebt. Heute zwei Jahre später habe ich einen gesunden Mann an meiner Seite, ich habe das große Glück jemanden zu haben, der alles,wirklich alles für mich tun würde, der mich liebt, der sich Gedanken um mich macht,  der mir hilft, wenn ich Hilfe möchte, der wahrscheinlich mehr über Parkinson weiß als ich selbst, der mich nachts in den Arm nimmt, wenn ich die Schmerzen nicht ertrage. Der mich solange streichelt, bis ich eingeschlafen bin. Der mich zu jedem Termin begleitet und diesen auch im Notfall beendet, wenn er sieht, ich kann nicht mehr. Der mir täglich schreibt, wie sehr er mich liebt. Und eine Million Dinge mehr. Ein unglaubliches Gefühl, das mir so gut tut. Das uns gut tut, den ja, auch ich gebe ihm viel.

Und mein Freund damals hatte recht. Denn im Nachgang haben wir festgestellt, dass wir uns schon mehrfach im Leben getroffen haben, dass wir schon mehrfach im Leben auf der selben Veranstaltung, im selben Raum waren. Wir haben uns nur nie wahrgenommen.

Also ja, ich habe aufgehört zu suchen und das große Glück gefunden. Die Liebe.

Ich möchte dich kennenlernen, dass du Parkinson hast, interessiert mich zwar, aber du bist nicht Parkinson, du bist Dini.
Mein lieber…. Ich danke dir unendlich für alles, was war, für alles was kommt. Die Liebe ist schon immer stärker gewesen, als alles andere.
Deine Dini

Bleib auf dem Laufenden.


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