Resilienz bei Parkinson: Wie das Gehirn sich wehrt – und was TRACE-PD herausfinden will

Grafik: Kopf mit Nervennetz, ein ausgefallener Knoten wird über einen gelben Umweg überbrücktWenn die ersten Parkinson-Symptome auftreten, hat das Gehirn oft schon jahrelang gegengehalten – und dabei erstaunlich viel ausgeglichen. Diese stille Widerstandskraft nennt die Forschung Resilienz. Das europäische Projekt TRACE-PD unter Leitung von Prof. David Pedrosa aus Marburg will verstehen, wie sie funktioniert und ob man sie gezielt stärken kann. Was steckt dahinter – und was bedeutet das für Sie?

Es ist eine der erstaunlichsten Tatsachen über die Parkinson-Krankheit: Wenn die typischen Bewegungsstörungen auffallen, ist nach gängigen Schätzungen bereits rund die Hälfte der Dopamin-Nervenendigungen im Striatum verloren gegangen – jener Region tief im Gehirn, die Bewegungen startet und dosiert. Über Jahre hinweg hat das Gehirn diesen Verlust offenbar so geschickt abgefedert, dass weder die Betroffenen noch ihr Umfeld etwas bemerkt haben. Und auch nach der Diagnose gilt: Zwei Menschen mit ähnlich ausgeprägtem Nervenzellverlust können sich im Alltag völlig unterschiedlich bewegen, fühlen und zurechtkommen.

Warum ist das so? Was macht das Gehirn des einen widerstandsfähiger als das des anderen? Und lässt sich diese Widerstandskraft gezielt fördern – durch Medikamente, durch Bewegung, durch Lebensstil? Genau diese Fragen stehen im Mittelpunkt von TRACE-PD, einem europäischen Forschungsverbund, der im Juni 2025 gestartet ist und bis Mitte 2028 läuft. Bevor wir uns das Projekt genauer ansehen, lohnt ein Blick auf den Begriff, um den sich alles dreht.

Was ist Resilienz – und warum gibt es zwei davon?

Das Wort Resilienz stammt aus der Materialkunde und beschreibt die Fähigkeit eines Werkstoffs, nach einer Verformung in seine ursprüngliche Form zurückzukehren. In der Psychologie meint man damit die seelische Widerstandskraft: die Fähigkeit, Krisen, Verluste und Belastungen zu bewältigen, ohne daran zu zerbrechen. Wer mit einer chronischen Erkrankung lebt, weiß, wie wertvoll diese Fähigkeit ist.

In der Hirnforschung hat sich daneben eine zweite, eher biologische Bedeutung etabliert. Hier beschreibt Resilienz die Fähigkeit des Gehirns, krankhafte Veränderungen auszuhalten, ohne dass sofort Beschwerden entstehen – oder mit weniger Beschwerden, als man angesichts des Schadens erwarten würde. Bei der Alzheimer-Krankheit ist dieses Konzept seit Jahrzehnten gut untersucht: Manche Menschen haben im Gehirn reichlich Alzheimer-typische Ablagerungen und sind trotzdem geistig fit. Bei Parkinson steht diese Forschung noch ziemlich am Anfang.

Die Fachwelt unterscheidet dabei mehrere eng verwandte Begriffe, die im Alltag oft durcheinandergehen. Die folgende Übersicht hilft beim Sortieren:

Begriff Was gemeint ist Beispiel bei Parkinson Beeinflussbar?
Reserve Der „Vorrat“, mit dem man in die Erkrankung startet: mehr Nervenzellen, dichtere Verbindungen, gut trainierte Netzwerke. Wer lebenslang körperlich aktiv war, hat möglicherweise eine größere motorische Reserve. Langfristig ja – durch Bildung, Bewegung, geistige Aktivität im Lebenslauf.
Kompensation Das Gehirn nutzt andere Wege, wenn der gewohnte Weg ausfällt. Andere Hirnregionen, etwa Kleinhirn-Schleifen oder Teile der Großhirnrinde, übernehmen Aufgaben des geschädigten Bewegungssystems. Vermutlich ja – genau das will TRACE-PD klären.
Hirn-Resilienz Oberbegriff: weniger Beschwerden, als der messbare Schaden erwarten ließe. Zwei Menschen mit gleichem Dopaminverlust im Bild, aber sehr unterschiedlicher Beweglichkeit. Teilweise – durch Reserve und Kompensation.
Psychische Resilienz Seelische Widerstandskraft gegenüber Stress und Belastung. Gelassener Umgang mit der Diagnose, weniger Grübeln, gute soziale Einbindung. Ja – durch Unterstützung, Achtsamkeit, psychotherapeutische Verfahren.

Wichtig ist: Beide Formen der Resilienz hängen zusammen. Wer psychisch stabil ist, bleibt eher aktiv, sozial eingebunden und körperlich in Bewegung – und genau das scheint wiederum dem Gehirn zu helfen, Schäden auszugleichen. Umgekehrt verstärken Stress und Angst bekanntlich viele Parkinson-Symptome, vom Zittern bis zum Einfrieren beim Gehen.

Das stille Jahrzehnt: Warum Parkinson so spät auffällt

Die Parkinson-Krankheit beginnt nicht mit dem ersten Zittern. Heute weiß man, dass ihr eine lange Vorphase vorausgeht, die Fachleute als Prodromalphase bezeichnen. Sie kann zehn Jahre und länger dauern. In dieser Zeit zeigen sich oft unauffällige Vorboten: ein nachlassender Geruchssinn, hartnäckige Verstopfung, ein unruhiger Schlaf, bei dem Träume regelrecht ausgelebt werden (die sogenannte REM-Schlaf-Verhaltensstörung), manchmal auch depressive Verstimmungen.

Gleichzeitig gehen im Hintergrund nach und nach Dopamin bildende Nervenzellen zugrunde. Dass man davon lange nichts merkt, ist kein Zufall, sondern eine aktive Leistung des Gehirns. Die verbliebenen Nervenzellen schütten mehr Dopamin aus, die Empfangsstellen an den Zielzellen werden empfindlicher, und andere Netzwerke springen ein. Bildgebende Untersuchungen zeigen bei Menschen mit beginnender Parkinson-Krankheit zum Beispiel eine verstärkte Aktivität in Bereichen, die normalerweise gar nicht so stark an der Bewegungssteuerung beteiligt sind.

Irgendwann reicht dieser Ausgleich nicht mehr aus – und die ersten Bewegungssymptome treten auf. Der Zeitpunkt, an dem die Kompensation „kippt“, ist individuell sehr verschieden. Genau hier setzt die Resilienzforschung an: Wenn man verstünde, warum das Gehirn bei manchen Menschen länger durchhält, könnte man vielleicht gezielt nachhelfen.

Zur Einordnung

Die oft genannten Prozentzahlen zum Nervenzellverlust bei Diagnose sind Schätzungen aus Gewebe- und Bildgebungsstudien und schwanken je nach Methode und Hirnregion deutlich. Unstrittig ist das Prinzip: Bei Diagnose ist schon ein erheblicher Teil des Dopaminsystems geschädigt – und das Gehirn hat diesen Verlust über Jahre ausgeglichen.

TRACE-PD: Das Projekt im Überblick

TRACE-PD steht für „Tracking the mechanisms of disease progression and functional compensation in the early phase of Parkinson’s disease“ – auf Deutsch etwa: die Mechanismen des Krankheitsverlaufs und der funktionellen Kompensation in der Frühphase der Parkinson-Krankheit nachverfolgen. Koordiniert wird der Verbund von Prof. Dr. David Pedrosa, Neurologe an der Klinik für Neurologie der Philipps-Universität Marburg.

TRACE-PD in Zahlen

  • Laufzeit: 1. Juni 2025 bis Mitte 2028
  • Förderung: EU-Initiative JPND (Joint Programme – Neurodegenerative Disease Research), Gesamtbudget rund 1,3 Millionen Euro; der Marburger Anteil von 266.000 Euro kommt vom Bundesforschungsministerium
  • Auswahl: Aus 142 Voranträgen und 37 Vollanträgen wurden zehn Verbundprojekte zur Förderung empfohlen – TRACE-PD ist eines davon
  • Partner: Marburg (Koordination), Universität zu Köln, Radboud-Universitätsklinikum Nijmegen (Niederlande), Masaryk-Universität Brünn (Tschechien), Karolinska Institutet Stockholm (Schweden)

Das Projekt verfolgt drei Ziele. Erstens will es die frühen Phasen der Parkinson-Krankheit besser verstehen, insbesondere die Zeit, in der der Nervenzellverlust schon fortschreitet, die Beschwerden aber noch fehlen oder gering sind. Zweitens soll untersucht werden, mit welchen Resilienz- und Kompensationsmechanismen das Gehirn diese Veränderungen ausgleicht. Drittens sucht das Team nach neuen Biomarkern, also messbaren Merkmalen, die eine frühere Diagnose und präzisere Behandlung ermöglichen könnten.

Methodisch gehen die Forschenden zweigleisig vor. Zum einen werten sie rückblickend große Datensätze aus mehreren Zentren aus: Untersuchungen von Menschen in der Frühphase der Erkrankung mit Hirnstrommessungen (EEG), Magnetfeldmessungen (MEG), nuklearmedizinischen Verfahren (PET und SPECT, mit denen sich unter anderem das Dopaminsystem sichtbar machen lässt) und Magnetresonanztomografie (MRT). Zum anderen wird in Stockholm eine neue Gruppe von Patientinnen und Patienten mit mehreren Verfahren untersucht, um zu sehen, wie sich die Ausgleichsprozesse unter einer Dopaminersatztherapie, etwa mit Levodopa, verändern.

Am Ende sollen zwei Dinge stehen: ein Modell, das beschreibt, wie funktionelle Kompensation im Gehirn abläuft, und ein Biomarker auf Basis der sogenannten Ruhe-MRT. Dabei liegt man einfach still im Gerät, ohne eine Aufgabe zu lösen, und misst, wie die Hirnregionen miteinander „im Gespräch“ sind.

Pedrosa formuliert den Ausgangspunkt nüchtern: „Die Ursachen neurodegenerativer Prozesse werden bislang nur unzureichend verstanden.“ Die leitende Postdoktorandin Dr. Marina Ruppert-Junck betont den Wert des Verbunds: Erst die enge Zusammenarbeit mit den internationalen Partnern ermögliche es, den frühen Verlauf mit modernen bildgebenden Verfahren an großen Datensätzen zu untersuchen.

Was ist das Besondere an TRACE-PD?

Forschung zur Frühphase der Parkinson-Krankheit gibt es viel. Was TRACE-PD von vielen anderen Projekten unterscheidet, lässt sich in fünf Punkten zusammenfassen.

1. Ein Perspektivwechsel: vom Schaden zur Abwehr

Die meisten Forschungsansätze fragen: Warum sterben die Nervenzellen, und wie lässt sich das aufhalten? TRACE-PD fragt zusätzlich: Was tut das Gehirn, um mit dem Verlust zurechtzukommen – und wie lässt sich das stärken? Die Schwere der Erkrankung wird dabei als Ergebnis zweier Kräfte verstanden: fortschreitender Abbau auf der einen, Ausgleich auf der anderen Seite. Langfristig sollen daraus Therapien entstehen, die körpereigene Schutzmechanismen fördern, statt nur am Nervenzellverlust anzusetzen. Das ist ein wichtiger Gedanke, denn bislang ist es trotz vieler Versuche nicht gelungen, den Nervenzellverlust selbst nachweislich zu bremsen.

2. Viele Messmethoden auf einmal

Jedes bildgebende Verfahren zeigt nur einen Ausschnitt. Die SPECT-Untersuchung zeigt, wie viel vom Dopaminsystem noch übrig ist, das MRT die Struktur und die Vernetzung des Gehirns, EEG und MEG die blitzschnelle elektrische Aktivität. Erst die Kombination erlaubt es, Schaden und Ausgleich gleichzeitig zu sehen – und damit zu verstehen, warum zwei Menschen mit ähnlichem Dopaminverlust so verschieden betroffen sein können.

3. Ein alltagstauglicher Biomarker als Ziel

Nuklearmedizinische Verfahren wie PET sind teuer, aufwendig und nicht überall verfügbar. Ein MRT-Gerät steht dagegen in fast jeder größeren Klinik und vielen Praxen. Wenn es gelänge, aus einer einfachen Ruhe-MRT abzulesen, wie gut das Gehirn eines Menschen gerade kompensiert, wäre das ein Werkzeug mit breitem Einsatzpotenzial – für die Früherkennung, für die Einschätzung des Verlaufs und für Therapiestudien.

4. Die Rolle der Medikamente

Die neue Stockholmer Kohorte soll eine Frage beantworten, die im Behandlungsalltag große Bedeutung hat: Was macht die Dopaminersatztherapie mit den körpereigenen Ausgleichsmechanismen? Unterstützt sie die Kompensation, ersetzt sie sie, oder verändert sie die Netzwerke auf andere Weise? Die Antwort könnte langfristig dabei helfen, den Zeitpunkt und die Art der medikamentösen Behandlung besser auf den einzelnen Menschen abzustimmen.

5. Ein Team mit Resilienz-Erfahrung

Bemerkenswert ist die Zusammensetzung des Verbunds. Fast alle Partner haben in den vergangenen Jahren selbst wichtige Arbeiten zu Resilienz und Kompensation bei Parkinson vorgelegt. Das Projekt bündelt also vorhandene Expertise, statt bei null anzufangen.

Die Köpfe hinter dem Projekt

Prof. Dr. David Pedrosa (Marburg) koordiniert den Verbund. Die Marburger Neurologie beschäftigt sich unter anderem mit Bewegungsstörungen, Hirnstimulation und der Analyse großer klinischer Datensätze.

Prof. Dr. Thilo van Eimeren (Köln) ist Nuklearmediziner und Neurologe. Seine Arbeitsgruppe hat 2024 eine viel beachtete Studie zur Resilienz bei Parkinson veröffentlicht (mehr dazu im nächsten Abschnitt).

Prof. Dr. Rick Helmich (Nijmegen) forscht seit Jahren zu Kompensationsmechanismen im Gehirn, zum Einfluss von Stress auf Parkinson-Symptome und zu den Effekten von Ausdauertraining auf das Gehirn. Sein Zentrum betreibt mit dem Personalized Parkinson Project eine der wichtigsten europäischen Verlaufskohorten.

Prof. Dr. Irena Rektorová (Brünn) ist auf kognitive Veränderungen bei Parkinson und verwandten Erkrankungen spezialisiert.

Dr. Josefine Waldthaler (Stockholm) arbeitet mit Hirnstrom- und Magnetfeldmessungen und betreut die neue Kohorte am Karolinska Institutet.

Was die Forschung heute schon weiß

TRACE-PD baut auf einer Reihe von Studien auf, die in den letzten Jahren gezeigt haben, dass Resilienz bei Parkinson real, messbar und zumindest teilweise beeinflussbar ist. Vier davon sind für Betroffene besonders interessant.

Resilienz ist messbar – und hält über Jahre

Das Kölner Team um Verena Dzialas und Thilo van Eimeren hat 2024 Daten von 151 Menschen mit Parkinson aus der großen internationalen PPMI-Studie ausgewertet. Für jede Person verglichen die Forschenden, wie stark das Dopaminsystem im Bild geschädigt war und wie ausgeprägt die Bewegungssymptome tatsächlich waren. Wer weniger Symptome hatte, als der Schaden erwarten ließ, galt als resilient. Das Ergebnis: Höhere Resilienz ging mit einem aktiveren Lebensstil einher, mit mehr grauer Substanz in motorischen Hirnregionen und mit einem eigenen Muster von Nervenverbindungen. Besonders bemerkenswert: Der Vorteil blieb über bis zu zehn Jahre Beobachtungszeit relativ stabil.

Bewegung verändert das Gehirn

Die niederländische Park-in-Shape-Studie aus Nijmegen hat 130 Menschen mit leichter Parkinson-Krankheit sechs Monate lang entweder auf einem Heimtrainer radeln oder Dehnübungen machen lassen. Die Ausdauergruppe trainierte dreimal pro Woche 30 bis 45 Minuten, angeleitet über eine App und aus der Ferne betreut. Ihre motorischen Werte blieben stabil, während sie sich in der Dehngruppe verschlechterten. Eine Folgeauswertung mit MRT-Bildern zeigte: Bei den Radfahrenden wurden die Verbindungen zwischen relativ gut erhaltenen Hirnregionen stärker, das Hirnvolumen blieb stabil, und die Kontrolle über automatische Bewegungen verbesserte sich. Rick Helmich, der Leiter der Studie, interpretiert das als Stärkung der Kompensation – nicht als Bremsung der Krankheit selbst.

Stress-Resilienz hängt kaum vom Dopamin ab

Ein weiteres Nijmegener Team um Anouk van der Heide hat die Corona-Pandemie als „natürliches Experiment“ genutzt. 350 Menschen mit Parkinson, im Mittel knapp vier Jahre nach der Diagnose, beantworteten über sechs Monate elfmal Fragen zu ihrer Stressbelastung. Etwa zwei Drittel reagierten vergleichsweise gelassen auf die Pandemie-Belastungen, ein Drittel deutlich stärker. Dieses Muster blieb über die Zeit erstaunlich stabil. Vorhersagen ließ es sich weniger durch die Schwere der Bewegungssymptome oder die Medikamentendosis als vielmehr durch psychosoziale Faktoren: Lebensqualität, geistige Fitness, erlebte soziale Unterstützung und eine positive Grundhaltung schützten; Angst, Grübeln und nicht-motorische Beschwerden waren Risikofaktoren. Wer stark auf Stress reagierte, entwickelte während der Pandemie häufiger depressive Symptome. Die Bewegungssymptome verschlechterten sich dagegen in beiden Gruppen gleich schnell.

Lebenslange Aktivität als Polster

Eine noch nicht begutachtete Vorab-Veröffentlichung aus Köln und Jülich (2025) untersuchte bei 22 neu diagnostizierten, noch unbehandelten Menschen mit Parkinson, wie „ausfallsicher“ ihre Hirnnetzwerke sind. Dazu wurden am Computer schrittweise Knotenpunkte aus dem Netzwerk entfernt – ähnlich wie bei einem Straßennetz, aus dem man nach und nach Kreuzungen sperrt. Je robuster das Bewegungsnetzwerk, desto besser die Beweglichkeit, und zwar unabhängig vom Dopaminverlust. Menschen, die im Lauf ihres Lebens wenigstens mäßig körperlich aktiv gewesen waren, profitierten davon offenbar mehr als sehr inaktive. Die Studie ist klein und vorläufig, passt aber gut ins Gesamtbild.

Das Muster hinter den Studien

Über alle Arbeiten hinweg zeichnet sich ein gemeinsames Bild ab: Körperliche Aktivität, geistige Anregung, soziale Einbindung und ein günstiger Umgang mit Stress gehen mit mehr Widerstandskraft einher – im Gehirn wie in der Seele. Das sind überwiegend Beobachtungsstudien. Sie zeigen Zusammenhänge, beweisen aber nicht in jedem Fall Ursache und Wirkung. Die Park-in-Shape-Studie ist hier die Ausnahme: Als randomisierte Studie liefert sie den bislang stärksten Hinweis, dass Bewegung tatsächlich etwas bewirkt.

Was bedeutet das für Menschen mit Parkinson?

TRACE-PD ist Grundlagenforschung. Eine neue Therapie oder ein fertiger Test für die Praxis wird am Ende der Laufzeit 2028 noch nicht stehen. Trotzdem hat das Thema schon heute eine sehr praktische Seite. Denn vieles von dem, was die Resilienzforschung bisher herausgefunden hat, liegt in Ihrer eigenen Hand.

Bewegung ist das wirksamste bekannte „Resilienz-Training“

Regelmäßige Ausdauerbewegung – Radfahren, zügiges Gehen, Schwimmen, Nordic Walking, Tanzen, Tischtennis – ist nach heutigem Wissen der am besten belegte Weg, die Ausgleichsfähigkeit des Gehirns zu unterstützen. Die Park-in-Shape-Studie legt nahe, dass es dabei auf Regelmäßigkeit und eine gewisse Anstrengung ankommt: dreimal pro Woche, so dass man leicht außer Atem gerät. Auch die deutsche Leitlinie zur Parkinson-Krankheit empfiehlt körperliche Aktivität ausdrücklich als Teil der Behandlung. Wichtig: Es ist nie zu spät, damit anzufangen – und jede Aktivität ist besser als keine.

Kopf und Kontakte zählen mit

Geistige Aktivität, Neues lernen, Musik machen, Gespräche führen: Alles, was das Gehirn fordert und Netzwerke nutzt, könnte zur Reserve beitragen. Soziale Unterstützung hat sich in der Nijmegener Stressstudie als einer der stärksten Schutzfaktoren erwiesen. Selbsthilfegruppen, Sportgruppen und gemeinsame Aktivitäten sind deshalb mehr als nur nette Freizeit.

Stress ernst nehmen

Viele Menschen mit Parkinson erleben, dass Zittern, Steifigkeit oder Gangblockaden in angespannten Situationen schlimmer werden und Medikamente dann schlechter wirken. Chronischer Stress steht im Verdacht, langfristig sogar dem Gehirn zu schaden; belegt ist das beim Menschen allerdings noch nicht. Achtsamkeitsbasierte Verfahren, Entspannungsmethoden und psychotherapeutische Unterstützung können helfen, mit Belastungen besser umzugehen. Erste Studien sind ermutigend, die Datenlage ist aber noch dünn.

Grübeln und Angst sind behandelbar

Angst und Depression gehören bei Parkinson zu den häufigen nicht-motorischen Symptomen – sie sind Teil der Erkrankung, kein persönliches Versagen. Wenn Sie merken, dass Sorgen und Grübeln überhandnehmen, sprechen Sie es in der Sprechstunde an. Eine Behandlung kann nicht nur die Lebensqualität verbessern, sondern nach den bisherigen Daten auch die psychische Widerstandskraft stärken.

Resilienz ist keine Charakterfrage

So hilfreich das Konzept ist, so wichtig ist eine Klarstellung: Wer stärker unter der Parkinson-Krankheit leidet, hat nicht „zu wenig gekämpft“. Ein großer Teil der Resilienz hängt von Faktoren ab, die niemand beeinflussen kann – Erbanlagen, Krankheitsverlauf, Lebensumstände. Resilienz ist eine Ressource, die man pflegen kann, aber kein Maßstab für persönliche Leistung. Niemand sollte sich vorwerfen lassen müssen, nicht resilient genug zu sein.

Kann ich an TRACE-PD teilnehmen?

Der größte Teil des Projekts beruht auf der Auswertung bereits vorhandener Datensätze. Die neue Untersuchungsgruppe wird am Karolinska Institutet in Stockholm aufgebaut. Eine Teilnahmemöglichkeit für Patientinnen und Patienten in Deutschland ist bislang nicht öffentlich angekündigt. Wer sich trotzdem für Forschung zur Frühphase interessiert, findet im Studienarchiv des Parkinson-Journals laufend aktuelle Studien, die Teilnehmende suchen.

Kritische Einordnung

So vielversprechend der Ansatz ist – ein paar nüchterne Anmerkungen gehören dazu.

  • Überschaubares Budget: Rund 1,3 Millionen Euro für fünf Partner über drei Jahre sind für ein bildgebendes Forschungsprojekt eher bescheiden. Das erklärt, warum der Schwerpunkt auf der Auswertung vorhandener Daten liegt.
  • Daten aus verschiedenen Quellen: Rückblickende Analysen von Datensätzen aus mehreren Zentren sind effizient, aber anfällig: Geräte, Messprotokolle und Patientengruppen unterscheiden sich. Diese Unterschiede sauber herauszurechnen, ist eine der großen methodischen Herausforderungen.
  • Resilienz ist ein Rechenwert: In den meisten Studien wird Resilienz nicht direkt gemessen, sondern als Abweichung zwischen erwarteten und tatsächlichen Symptomen berechnet. Das ist wissenschaftlich anerkannt, hängt aber stark davon ab, wie genau Schaden und Symptome erfasst werden.
  • Vom Biomarker zum Nutzen ist es weit: Selbst wenn ein Ruhe-MRT-Biomarker gefunden wird, muss er erst in unabhängigen Gruppen bestätigt werden, bevor er in der Praxis eingesetzt werden kann. Das dauert erfahrungsgemäß Jahre.
  • Nur die Frühphase: TRACE-PD konzentriert sich auf die frühe Erkrankung. Ob sich die Erkenntnisse auf fortgeschrittene Stadien übertragen lassen, bleibt offen.

Und schließlich: Resilienz ist ein Begriff, der derzeit überall auftaucht – vom Management-Seminar bis zur Wellness-Werbung. Bei Parkinson ist er wissenschaftlich gut begründet, aber er sollte nicht zum Heilsversprechen werden. Kompensation verschiebt Symptome, sie hält die Erkrankung nicht auf.

Fragen für Ihre nächste Sprechstunde

  1. Welche Art und welcher Umfang von körperlicher Aktivität sind in meiner Situation sinnvoll und sicher – auch mit Blick auf Herz, Gelenke und Sturzrisiko?
  2. Kommt für mich eine Physiotherapie mit Schwerpunkt Ausdauertraining infrage, und kann sie verordnet werden?
  3. Verschlechtern sich meine Symptome in Stresssituationen? Was können wir dagegen tun?
  4. Wäre eine psychotherapeutische Unterstützung oder ein achtsamkeitsbasiertes Programm für mich hilfreich?
  5. Habe ich Anzeichen von Angst oder Depression, die behandelt werden sollten?
  6. Gibt es Studien zur Frühphase oder zu Bewegung bei Parkinson, an denen ich teilnehmen könnte?
  7. Wie beurteilen Sie meinen bisherigen Verlauf – und welche Faktoren könnten mir helfen, ihn stabil zu halten?

Fazit

Die Parkinson-Krankheit ist nicht nur eine Geschichte des Verlusts, sondern auch eine Geschichte der Gegenwehr. Das Gehirn gleicht über viele Jahre erstaunlich viel aus – und wie gut ihm das gelingt, unterscheidet sich von Mensch zu Mensch erheblich. TRACE-PD will diese Ausgleichsmechanismen erstmals systematisch in großen Datensätzen und mit mehreren Messverfahren sichtbar machen und daraus einen alltagstauglichen MRT-Biomarker entwickeln. Der Perspektivwechsel ist bemerkenswert: Nicht nur der Schaden, sondern auch die Abwehr des Gehirns wird zum möglichen Therapieziel.

Bis daraus Behandlungen entstehen, wird es dauern. Doch die bisherigen Studien senden schon heute eine klare Botschaft: Bewegung, geistige und soziale Aktivität sowie ein guter Umgang mit Stress gehen mit mehr Widerstandskraft einher. Das ist keine Garantie und kein Ersatz für Medikamente – aber ein Stück Einfluss, das Sie selbst in der Hand haben.

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Quellen

  1. Philipps-Universität Marburg. TRACE-PD: Neue Wege zur Früherkennung und Therapie der Parkinson-Krankheit. Pressemitteilung vom 28.05.2025. uni-marburg.de
  2. JPND – EU Joint Programme Neurodegenerative Disease Research. Call 2024: Mechanisms and measurement of disease progression in the early phase of neurodegenerative diseases – Ergebnisse. neurodegenerationresearch.eu
  3. Masaryk-Universität Brünn. Projektinformation TRACE-PD (9F25001). muni.cz
  4. Dzialas V, Hoenig MC, Prange S, Bischof GN, Drzezga A, van Eimeren T; PPMI. Structural underpinnings and long-term effects of resilience in Parkinson’s disease. npj Parkinson’s Disease 2024;10. doi: 10.1038/s41531-024-00699-x. doi.org
  5. van der Heide A, Dommershuijsen LJ, Puhlmann LMC et al. Predictors of stress resilience in Parkinson’s disease and associations with symptom progression. npj Parkinson’s Disease 2024;10:81. doi: 10.1038/s41531-024-00692-4. doi.org
  6. van der Kolk NM, de Vries NM, Kessels RPC et al. Effectiveness of home-based and remotely supervised aerobic exercise in Parkinson’s disease: a double-blind, randomised controlled trial. Lancet Neurology 2019;18(11):998–1008. PubMed 31521532
  7. Johansson ME, Cameron IGM, Van der Kolk NM et al. Aerobic exercise alters brain function and structure in Parkinson’s disease: a randomized controlled trial. Annals of Neurology 2022;91(2):203–216. PubMed 34951063
  8. van der Heide A, Meinders MJ, Speckens AEM, Peerbolte TF, Bloem BR, Helmich RC. Stress and mindfulness in Parkinson’s disease: clinical effects and potential underlying mechanisms. Movement Disorders 2021;36(1):64–70. PubMed 33094858
  9. Lifetime physical activity and network attack tolerance contribute to the preservation of motor function in Parkinson’s disease. Preprint, bioRxiv 2025. doi: 10.1101/2025.03.14.643226. biorxiv.org (noch nicht begutachtet)
  10. Deutsche Gesellschaft für Neurologie. S2k-Leitlinie Parkinson-Krankheit, 2023. AWMF-Registernummer 030-010. register.awmf.org