Die Nörgel-WM ist eröffnet

Polemik · Kommentar des Herausgebers

Zu groß, zu deutsch, zu wenig Blech? Eine Antwort an die Kritiker der PingPongParkinson-Weltmeisterschaft 2026 in Hannover

Jedes Frühjahr und jeden Herbst stehen die großen Turniere von PingPongParkinson an: im Frühjahr die German Open, im Herbst die Weltmeisterschaft. Und dazu gehört jedes Mal ein ausführlicher Bericht über diese ungewöhnlichen Events im Parkinson-Journal.

In diesem Jahr ist es mir ein Herzensanliegen, einen zweiten Bericht zu schreiben. Mit etwas mehr Abstand, den ich dringend brauchte, um meiner Reaktion auf die zum Teil ehrabschneidenden Kommentare bei Facebook und Co. genügend Raum zu geben. Ich habe dabei bewusst das Stilmittel der Polemik gewählt, damit ich frei von der Leber weg schreiben kann, was mir eine Reportage nicht erlaubt hätte.

Aber lesen Sie selbst …

Rund 800 Sportlerinnen und Sportler mit der Parkinson-Krankheit, über 30 Nationen, rund 4.000 Spiele, mehr als 200 Volunteers: Die PingPongParkinson-Weltmeisterschaft 2026 in Hannover war die größte Veranstaltung, die unsere Bewegung je gestemmt hat. Und kaum war der letzte Ball gespielt, wurde parallel die nächste Weltmeisterschaft eröffnet – die Nörgel-WM. Ausgetragen in Kommentarspalten und Chatgruppen, ohne Startgeld, ohne Schiedsrichter und, wie wir sehen werden, ganz ohne Trostrunde.

Die Disziplinen dieser WM sind schnell aufgezählt: Die Veranstaltung sei zu groß gewesen, das Familiäre sei verloren gegangen, es seien zu viele Deutsche dabei gewesen, und die Sieger der Trostrunden hätten nicht genug Anerkennung bekommen. Schauen wir uns die Wettbewerbe der Reihe nach an.

Vorab: Ja, ich bin befangen

Bevor mir das jemand vorwirft: Stimmt. Ich bin Pressesprecher von PingPongParkinson Deutschland, und ich saß in Hannover nicht auf der Tribüne, sondern war mittendrin – als einer der Supporter. Ich habe Tag für Tag Bilder für die Presse gesichtet, bin Gänge gelaufen, habe Hände geschüttelt und gesehen, was hinter den Kulissen geschuftet wurde. Mehr noch: Ich habe selbst gemeckert. Dazu gleich mehr.

Genau deshalb erlaube ich mir ein Urteil. Wer nur von außen zugeschaut hat und jetzt Haltungsnoten verteilt, darf das selbstverständlich auch. Er sollte nur nicht so tun, als hätte er den besseren Blick gehabt. Und damit es keine Missverständnisse gibt: Das Parkinson-Journal ist kein Vereinsblatt. Dieser Text ist das, was er ist – eine Polemik. Meinung, zugespitzt, mit voller Absicht.

Disziplin 1: Das Größen-Lamento

Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Eine Bewegung, deren einziger Daseinszweck es ist, Menschen mit Parkinson vom Sofa an die Platte zu holen, wird dafür kritisiert, dass zu viele Menschen mit Parkinson gekommen sind. Das ist ungefähr so, als würfe man der Feuerwehr vor, sie habe beim Löschen zu viel Wasser verbraucht.

„Over the top“ sei das gewesen.

Wessen „Top“ eigentlich? Hinter jeder der rund 800 Startnummern steht ein Mensch, der sich trotz Tremor, Freezing, Off-Phasen und Reisestrapazen auf den Weg gemacht hat. Welche dieser Startnummern war denn zu viel? Bitte konkret werden – mit Namen und Begründung.

Und für alle, die es noch nicht mitbekommen haben: Eine Weltmeisterschaft ist für PingPongParkinson kein Selbstzweck, sondern Öffentlichkeitsarbeit. Kein Fernsehteam fährt für ein gemütliches Treffen von 60 Leuten nach Hannover. Jeder Bericht, jeder Artikel, jeder Post kann jemanden erreichen, der nach seiner Diagnose zu Hause sitzt und noch nie von uns gehört hat. Wer die Größe kritisiert, kritisiert in Wahrheit die Reichweite. Und Reichweite ist für diese Menschen kein Luxus. Sie ist die Tür nach draußen.

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Disziplin 2: Der Familien-Türsteher

Der familiäre Charakter habe gelitten, heißt es. Übersetzt bedeutet das: Früher kannte ich jeden, heute muss ich mir neue Namen merken. Das ist menschlich, das ist sogar verständlich. Aber eine Familie, die Neue an der Tür abweist, damit es am Esstisch gemütlich bleibt, nennt man nicht Familie. Man nennt sie Stammtisch.

Mehr als die Hälfte der Teilnehmenden war in Hannover zum ersten Mal bei einer Weltmeisterschaft. Welcher Hälfte hätten wir absagen sollen? Familiär heißt nicht, dass jeder jeden kennt. Familiär heißt, dass jeder dazugehören darf.

Und jetzt ein Geständnis: Auch ich hatte in Hannover keine rosarote Brille auf. Mir war es an manchen Stellen ebenfalls nicht familiär genug – zu viel Trubel, zu viele fremde Gesichter, zu wenig Zeit für die alten Weggefährten. Ich gehöre also selbst zu denen, die das Familiäre vermisst haben. Und genau deshalb lasse ich mir meine Objektivität nicht absprechen: Ich bin kein Hofberichterstatter, der alles schönschreibt.

Nur ziehe ich daraus einen anderen Schluss. Wer den weiten Bogen kennt – vom Vereinsturnier um die Ecke über Eystrup bis zu den German Open und jetzt zur Weltmeisterschaft –, der weiß: Das Familiäre wird mit jeder Stufe weniger selbstverständlich. Es kommt einem nicht mehr von allein entgegen. Man muss es suchen. Aber man findet es, wenn man nur will. Sogar auf einer WM mit 800 Teilnehmern.

Ich habe es gefunden: bei Spielern aus verschiedenen Ländern, die sich nach dem Match in den Armen lagen, bei Fremden, die einander geholfen haben, ohne lange zu fragen, bei Freundschaften, die in fünf Tagen entstanden sind. Wer in Hannover nur Kälte gespürt hat, sollte sich deshalb ehrlich fragen, ob er gesucht hat – oder nur gewartet.

Und wer es lieber kuschelig mag: Regionale Turniere und Stützpunkttreffen gibt es reichlich, und sie sind wunderbar. Aber eine Weltmeisterschaft ist kein Kaffeekränzchen mit Netz.

Disziplin 3: Die Passkontrolle

Zu viele Deutsche, heißt es – und prompt liegen die Rezepte auf dem Tisch: Nationenquoten, Qualifikationsturniere. Ein Hauch von Grenzschutz am Tischtennistisch.

Man stelle sich die Szene vor: Ein Mann mit Parkinson aus der Nähe von Hannover meldet sich für die Weltmeisterschaft vor seiner Haustür an und bekommt zur Antwort: „Leider ist das deutsche Kontingent erschöpft. Versuchen Sie es bei der nächsten WM – irgendwo auf der Welt.“ Und für die Qualifikation soll er vorher noch quer durch die Republik reisen, auf eigene Kosten, mit einem Körper, der schon den Alltag als Wettkampf erlebt. Barrierefreiheit nach Art der Bürokratie.

Natürlich muss die Teilnehmerzahl zur Halle passen. Es war zeitweise eng, das räumen die Organisatoren selbst ein, und daraus wird gelernt. Aber die Antwort auf „zu eng“ ist eine größere Halle – nicht ein kleineres Herz.

„Deutsche Meisterschaft mit internationaler Beteiligung“

Liebe Urheber dieser Formulierung: Das ist keine Kritik an den Organisatoren. Das ist eine Ohrfeige für jeden Gast aus über 30 Nationen, der Flug, Hotel, Strapazen und Medikamentenplan über Länder und Kontinente geschleppt hat. Diese Menschen waren keine Statisten in eurem Heimatfilm. Sie waren Teilnehmer einer Weltmeisterschaft.

Disziplin 4: Das Blech-Einzel

Und nun der Höhepunkt der Nörgel-WM: die Trostrunden. Dass deren Sieger nicht im Rahmen der offiziellen Siegerehrung mit WM-Medaillen bedacht wurden, wurde öffentlich zum „Skandal“ erklärt, zur „Unverschämtheit“, garniert mit dem Satz „Es darf spekuliert werden!!!“. Drei Ausrufezeichen, null Belege.

Zur Sache: Trostrunden heißen Trostrunden, weil dort kein Weltmeistertitel ausgespielt wird. Das ist keine Geringschätzung, das ist Sport. Wer sich durch eine Trostrunde kämpft, an seine Grenzen geht und am Ende gewinnt, verdient Respekt. Den hat er. Über Urkunden oder andere Formen der Würdigung wird bereits nachgedacht. Aber nicht jede Anerkennung muss auf der Bühne einer WM-Siegerehrung stattfinden.

Und dann die Praxis, die in der Empörung so gern übersehen wird: Die offizielle Ehrung dauerte bereits so lange, dass sich bei der letzten Klasse die Reihen deutlich lichteten. Hätten wir noch eine Stunde Trostrunden drangehängt, hätten die letzten Geehrten ihre Medaille vor leeren Stuhlreihen und dem Hallenpersonal entgegengenommen. Ist das die Wertschätzung, die da eingefordert wird? Applaus vom Hausmeister?

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Disziplin 5: Der Spekulations-Dreisprung

Kommen wir zu dem Punkt, an dem aus Kritik Krawall wird. Wer mangelnden Respekt vor sportlicher Leistung beklagt und im selben Atemzug die Arbeit von Ehrenamtlichen als Skandal und Unverschämtheit abkanzelt, beweist ein bemerkenswertes Talent: Er fordert Respekt ein, den er selbst nicht aufbringt. Respekt ist keine Einbahnstraße – und schon gar keine, auf der nur die eigene Meinung Vorfahrt hat.

Hinter dieser WM standen Monate der Vorbereitung und mehr als 200 Volunteers, die ihre Freizeit verschenkt haben, um anderen fünf unvergessliche Tage zu ermöglichen. „Es darf spekuliert werden“ ist kein Debattenbeitrag. Es ist die Einladung in die Gerüchteküche, und auf dem Speiseplan stehen Menschen, die nichts anderes getan haben, als für andere da zu sein.

Es wurde behauptet, solche Entscheidungen machten „unseren Sport kaputt“. Wenn hier etwas unseren Sport beschädigt, dann nicht eine fehlende Medaille. Sondern das Gift in der Kommentarspalte.

Der Spiegel: Medaillenspiegel der Nörgel-WM

Weil Anerkennung ja so wichtig ist, soll auch die Nörgel-WM ihre Ehrung bekommen:

PlatzDisziplinLeistung
🥇 GoldSpekulations-DreisprungDrei Ausrufezeichen, null Belege, maximaler Schaden für Ehrenamtliche
🥈 SilberPasskontrolleAus einer WM mit über 30 Nationen eine „Deutsche Meisterschaft“ gemacht
🥉 BronzeGrößen-LamentoZu viele Menschen mit Parkinson bei einer Veranstaltung für Menschen mit Parkinson beklagt
TrostrundeFamilien-TürsteherDie Tür zur Familie tapfer verteidigt – von innen. (Teilnehmer u. a.: der Autor – ausgeschieden in Runde eins)

Die Siegerehrung entfällt leider. Die Halle ist schon leer. Alle anderen stehen längst wieder an der Platte.

Und noch ein Blick in den Spiegel, ganz ohne Spott: Fragt doch einmal diejenigen, die in Hannover zum ersten Mal dabei waren, ob es zu viele waren. Fragt den Spieler, der zum ersten Mal vor Hunderten Menschen einen Schläger in der Hand hatte. Fragt die Frau, die nach Jahren wieder eine große Reise gewagt hat. Fragt den, der nach Hause gefahren ist und jetzt einen eigenen Stützpunkt gründen will. Ich bin gespannt auf die Antworten.

Fazit: Kritik ja – Gift nein

Sachliche Kritik ist willkommen. Die Organisatoren haben angekündigt, sie auszuwerten: die Enge in der Halle, die Länge der Ehrung, die Würdigung der Trostrunden. So geht Lernen. Aber niemand muss sich dafür entschuldigen, dass PingPongParkinson wächst. Und niemand muss sich dafür entschuldigen, möglichst vielen Menschen mit Parkinson die Teilnahme an einer Weltmeisterschaft ermöglicht zu haben.

„Wir sind alle Gewinner“, hieß es in der Eröffnungsrede. Ich ergänze: Wer nach fünf Tagen voller Mut, Freundschaft und Lebensfreude vor allem Blech zählt, hat das Wichtigste verpasst. Die Tür steht trotzdem offen – auch für die Nörgler. Die Platte wartet.

Wer sich selbst ein Bild machen möchte, statt den Kommentarspalten zu glauben:

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