Die besten Geschichten schreibt doch immer noch das Leben!

Dies ist das Logbuch der MSC Parkinson.

Am Datum lässt sich nix machen und die Besatzung ist vollzählig, dit heißt, Parki und ick.. Der Empfang war etwas dürftig, was natürlich daran lag, dass es keine reine Parkistation ist. Die fünf Parkiasten, die sich hier mit mir um den Titel: „Breakdancer der Woche“ streiten, klatschten artig, als ich die Zwölf betrat, das taten sie allerdings auch, als der Opa aus Zimmer 3 den Flur entlang brüllte, er hätte jetzt wieder Stuhlgang, doch dieser hätte zeitlich nicht zur Ankunft im Bad gepasst….hmm!

Mein neuer Zimmerkumpel Reiner hat zum Abendbrot sieben verschiedenfarbige Pillen bekommen. Die gelbe und die rote hab ich gerade „ehrlich“ bei einer kleinen Partie Mau Mau gewonnen. Er war überrascht, dass man bei Pik 9 auch neun Karten ziehen muss! Hihi, das wird ’ne bunte Nacht…

Heißa, Kathreinerle, schnür dir die Schuh! Was war das denn? Ich weiß nur noch, dass die gelbe Pille heiße Füße machte und ich nur noch tanzen wollte. Anscheinend hab ich das auch, denn Oma Inge aus Zimmer 7 zwinkerte mir heute früh zu, murmelte was von toller Tanzabend und gab mir eine Wassermelone…. Trau mich gar nicht, die rote zu nehmen…. So, gleich geht’s zur Neuropsychologin – das wird ein Spaß!

Was für ein Tagesbeginn! Ich habe die anderen Parkis zum Wettzähneputzen herausgefordert. Machen wir es kurz: 2. Platz! Was für eine Schmach. Die goldene Plombe ging an Inge, die mir zuzwinkerte, ihr komplettes Gebiss herausnahm, mit der elektrischen Bürste rüber hobelte und die Knabberleiste lässig wieder in der Futterluke verschwinden ließ. Ich habe sogleich ein Foto von Inge an Chuck Norris gefaxt, bin gespannt, wie sie ohne ihre Dritten gewinnen will.

Noch etwas bedrückt vom 2. Platz baute mich Schwester Astrid wieder auf, die freudestrahlend das Zimmer betrat und rief: So, Herr Sahr, Sie sammeln jetzt 24 h Pipi!  Super, ich liebe Herausforderungen! Reiner, Inge und der Opa aus Zimmer 3 waren sofort dabei, leider stimmte das timing bei Opa wieder nicht. Egal, ich besorgte mehr Behälter und wir schwärmten aus. Aktueller Stand:  23,4 Liter. Was die mit dem ganzen Zeug wollen? Oder sagte Astrid: Ihr Pipi? Verdammt! Vielleicht merken sie es ja nicht.

Was Chuck antwortete und wie es bei der Psychologin war? Später! Ich muss erst mal aufs Klo…

Norris, die Pfeife! Ein übergroßes: INGE – NO WAY! auf dem Antwortfax bestätigt meine These: Chuck ist ein Blender. Vielleicht sollte er nicht so viele Bienen kauen. Na gut, ich bin gewarnt und hab Inge im Auge…

Die Neuropsychologin sollte anhand von verschiedenen Tests und Spielen feststellen, wie es um meine kognitiven Fähigkeiten steht und ob ich depressiv wäre. Ich verriet ihr nicht, dass ich so ’ne Art fotografisches Gedächtnis habe, was das Ganze enorm abkürzte. Als ich ihr beim wiederholen von Zahlenreihen im Anschluss immer noch die Quersumme sagte, sah ich wie sie das Wort Klugscheißer auf ihren Auswertungsbogen schrieb… Tztztz…man hat mich schon mehr beleidigt ..Als ich zur Station kam, stolperte Inge gerade über mehrere Pipi-Sammelbehälter, die irgendwer (hihi) mitten auf den Flur gestellt hatte. Beim Sturz verabschiedete sich das Gehege ihrer Zähne und Inge landete genau vor Opa, der gerade zum Klo eilte. Ein kurzes Knacken zauberte ein Siegerlächeln auf meine Lippen. Ach, vielleicht gönne ich mir ja doch noch die rote Pille. Euch allen bunte Träume, gute Nacht!

SIEG!

DA IST DAS DING!

Ich strecke die goldene Plombe vor der zahnlosen Inge gen Himmel und führe vor ihr den Tanz der Zahnfeen auf. Sie zischte mir zu: hätte ich mein Gebiss… ich unterbrach sie: hätte, hätte, Fahrradkette, Inge! Mess with the best – die like the rest! Ich wollte ihr noch ein paar Sprüche drücken, da stand wie aus dem nichts ein UPS-BOTE vor uns und überreichte Inge ein Päckchen. Ich schielte auf den Absender: Chuck Norris! Inge riss das Paket auf und holte ein komplettes Gebiss raus! Chuck, du Arsch! Später mehr! Ich muss trainieren… p.s. Die rote Pille war ein Haribo–Lakritz…..

So weit so gut! Ein Später gab es für mich nicht mehr. Irgendjemand hatte in Hongkong sehr hohe Summen auf einen Sieg von mir beim zweiten Wettzähneputzen gesetzt und die Klinikleitung brachte mich damit irgendwie in Verbindung. Ich flog also wegen der Manipulation aus der Klinik. Als ich abgeführt wurde, riss ich der Inge noch ein Blatt Papier aus der Hand. Verdammt, woher hatte sie einen Nachweis über meine Telefonverbindungen? Ich hörte noch ein mess with the best von ihr und schon saß ich an der frischen Luft. Na warte! Rache ist Blutwurst!! Ich holte meine to-do-Liste raus und strich die Punkte: Welt retten und guter Sex im Auto! HÄ… Was war los mit mir? Ich schrieb: guter Sex im Auto sofort wieder auf die Liste! Doch noch darüber schrieb ich vier Buchstaben: INGE

So kam es also, dass ich die letzten vier Monate der Schatten von Inge war. Herr Parkinson und ich wurden Meister der Verkleidung. Bestellte sich Inge einen Cocktail, war ich der Barmixer. Fuhr Inge Auto, war ich der Wackeldackel. Vor drei Tagen schnitt ich ihr sogar die Haare. Vorgestern dann bekam ich einen Anruf. Das Bild eines kleinen Mädchens auf dem Display meines Telefons verriet mir, dass Chuck anrief. Was wollte der denn? Er sagte, dass ihm alles schrecklich leid tut und er es gerne wieder gut machen würde und ich solle doch zu seinem Geburtstag zum Kaffeetrinken vorbeikommen. Also fuhr ich gestern zu Chuck, um zu schauen, was er wirklich wollte. Er begrüßte mich überschwänglich: komm rein! Meine Schwester ist auch schon da! Sie hat Kuchen mitgebracht! „Du hast eine Schwester?“, erwiderte ich und betrat dabei die Stube. Ja klar, meinte er, meine Schwester Inge kennst du doch schon. Ich merkte wie ich langsam ohnmächtig wurde. Ich schaffte es gerade noch auf die Couch und Inge reichte mir wortlos ein Stück Kuchen. Schicke Frisur, murmelte ich. Ja, sagte sie, mein neuer Friseur ist echt nicht schlecht und zwinkerte mir zu. Ich wurde rot! Alles wird gut…

Gunnar

1 Antwort

Kommentare sind deaktiviert.